Verein zur Förderung der Pfarrgemeinde Uedelhoven e.V.


Peter KirwelAuf dieser Seite stellt Ihnen unser Vereinsmitglied Peter Kirwel - links im Bild - regelmäßig den oder die “Heilige(n) des Monats” vor, und zwar - Zitat des Autors - “zum Teil durchaus kontrovers und mal ganz anders, aber immer rheinisch-katholisch”.

Manchmal wird auch kein Heiliger sondern ein Fest kommentiert. Aber so genau sehen wir das an dieser Stelle nicht...

In diesem Sinne viel Spaß beim Lesen!

 

 

Kleiner Hinweis: der Autor ist derzeit beruflich sehr eingespannt, so dass der Heilige des Monats ein wenig pausieren muss. In 2017 geht es sicherlich weiter!

 

Heiliger des Monats Juni 2014: Eskil von Södermanland

Festtag: 12. Juni

Heutzutage wundert man sich zu hören, dass das riesige Grönland irgendwie zu dem lütten Dänemark gehört. Die Ursache liegt gute 1000 Jahre zurück. In unermüdlicher, emsiger Heimarbeit haben die Dänen eine beträchtliche Überbevölkerung zu Stande gebracht, die nordischen Winter sind lang. Dieses Jungvolk drängt nun in die große weite Welt. Sie hoffen, überall etwas Besseres als Räucherhering vom Torffeuer zu finden, und recht haben sie. Also werden der Osten Englands, ganz Norwegen, Island, Grönland und sogar Teile Nordamerikas durch die überschüssigen Wikingersprösslinge besiedelt.

Dieser Einwanderungen halber versteht man sich in Nordeuropa rein sprachlich prächtig, was erklärt, dass im Gegenzug gerade aus Britannien zahlreiche Mönche als Entwicklungshelfer Richtung Schweden und Dänemark aufbrechen. Zu tun ist viel, das Christentum hat eben erst Fuß gefasst, die Sitten sind außergewöhnlich rau.
Unter dem Patronat des fortschrittlichen Königs Ingo wirkt so auch der englische Priester Eskil als Bischof für Jahrzehnte in Tuna, heute zu seinem Andenken Eskilstuna genannt, am dem riesigen See Mälaren in Södermanland westlich Stockholm.

Der Firnis der Zivilisation ist bekanntlich erschreckend dünn, ihre Errungenschaften werden nicht von jedermann geschätzt. Sven, König Ingos Schwager, gelingt es, diesen vom Thron zu verdrängen, in dem er die Mehrzahl der Krieger in der Heeresversammlung hinter sich bekommt. Wie lauten seine verführerischen, allgemein überzeugenden Wahlversprechen? Schluss mit Lesenlernen und so `nem Tünkram, die 10 Gebote in die Tonne, wir sind Schweden und keine Warmduscher, und vor allem: die Rückkehr der Blutopfer !! Alles brüllt bis zur Heiserkeit Hurra, dem alten König Ingo schmeißt man Dreck hinterher, und dann wird gleich eins der am Rand der Wiese grasenden Pferde gemeinsam zerfetzt, alle trinken vom warmen Blut, Bäume werden mit Blut beschmiert, lustig wird weiter geschlachtet, die Musik geht los, und zwanglos beginnt ein traditionelles schwedisches Barbecue.

Bischof Eskil sieht sein Lebenswerk vor der Vernichtung stehen. Die Offene-Hose-Machos der Kriegs-Häuptlinge mit ihrem Gesetz des Dschungels wüten wie zu Zeiten ihrer Großväter, als sich die Opferbäume unter den reingehängten Menschenopfern bogen. Der südliche Nachbar Deutschland baut steinerne Brücken, prächtige Paläste, kunstvolle Kirchen mit farbigen Fenstern, lauscht abends gesittet den Minnesängern, verpasst sich ab und zu ein paar Beulen in Schaukampf-Tournieren, lernt in Italien römisches Recht, erschließt sich die Literatur der Welt.

Eskils eigene Schützlinge dagegen saufen und raufen sich in endlosen „Opferfesten“ die Rübe weg, es ist ein Trauerspiel
Eskil nimmt seinen Job ernst, er kann nicht einfach so wegsehen. Viele, die jetzt „den wilden Mann machen“, sind Eskils Pfarrkinder, ja Schüler, es bricht ihm das Herz. Seinen ganzen Mut und seinen Glauben an das Gute im Menschen zusammennehmend macht er sich auf den Weg in den Nachbarort Strängnäs, wo unter dem Vorsitz Svens gerade mal wieder die Sau rausgelassen wird. Man lässt den Bischof nicht lange reden – einer steht auf und schlägt ihm einen Stein gegen den Kopf, jetzt traut sich ein zweiter der Helden und haut mit der Axt drauf, und schon wieder haben der Fortschritt und die Zivilisation einen Märtyrer mehr.

Wenig später kehrt Ingo zurück, und „Blut Sven“ wird in einem in Brand gesteckten belagerten Haus selber gegrillt, der Nostalgie-Trip zurück in die Barbarei ist zu Ende – zu Ende für die Schweden. Dafür reißt der Faden, aus dem der schützende und schmückende Mantel der Kultur gewebt wird, immer mal wieder woanders. In Deutschland ist das noch gar nicht lange her, später zerlegte sich Jugoslawien ohne Sinn und Verstand, aktuell ist Afrika an der Reihe, und das wird auch nicht aufhören, wir Menschen sind so. Erklärt eine Gruppe oder ein Gewaltherrscher die Regeln der Moral aus „höheren Gründen“ für aufgehoben, dann trösten sich die Menschen damit, dass sie ihre Laster nun ausleben können, ist ja auch mal schön. Während der Nazi-Zeit erstickte manche Gestapo-Dienststelle an den täglich waschkörbeweise eingehenden Anzeigen: jeder gegen jeden, aus Neid, aus Gier, das sind zwei der Todsünden, es gibt sieben, der Mensch ist auch im Bösen erfinderisch.

Der heilige Eskil hat die rote Karte gezogen, als es Zeit dafür war – und das ist eine gute Haltung, das geht jeden Tag. Warum weiter naturvernichtende Konzerne unterstützen, wenn man doch auch Bio-Lebensmittel und faire Produkte einkaufen kann? Um ein paar Euro zu sparen – für was? Warum wild pokernde Banken fördern, wenn man sein Geld mittlerweile auch bei ethisch aufmerksamen Häusern sicher parken kann? Und warum in drei Teufels Namen Strom vom Atomkraftwerk ? Wir haben alle Möglichkeiten, man muss einfach machen, und auch immer öfter mal nein sagen. Fußball ohne rote Karte wird zum Rugby, Christi Himmelfahrt zum „Vatertag“, Gott bewahre.

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Heiliger des Monats Mai 2014: Jakobus, der Bruder Jesu

Festtag: 3. Mai

Schutzpatron der Hutmacher

Ordnungsliebe kann bei Lohnbuchhaltern, Archivaren oder den unverdrossen sternenzählenden Astronomen was richtig Schönes sein, und auch das Laster des Briefmarkensammelns wäre ohne sie schlichtweg undenkbar.

Ja, selbst die liebe Mutter Kirche, der für gewöhnlich ein gewisser charmanter Schlendrian eher zu eigen ist als jede Form von Putzwut und systematischer Korrektheit, ruft bisweilen „schwäbische Kehrwochen“ aus. Wenn sich der Staub schließlich wieder legt, findet man nichts mehr da, wo es vorher lag, dafür in Kisten und Kästen verschnürt und etikettiert, was sich solche Nachbarschaft nie hätte träumen lassen.

Aus verschiedenen netten Damen des lustigen Wandervogels rund um Jesus wird so Maria Magdalena zusammengeleimt, ein ander Mal die heilige Anna mit 3 Männern überreich bedacht, die echte würde sich wahrscheinlich bedankt haben.

Beim Großreinemachen anlässlich des Konzils in Trient stopft man die meisten Jakobusse in einen Kessel Buntes, hält den Stabmixer rein und verpüriert Jakobus den Jüngeren mit Jakobus dem Bruder Jesu und Jakobus dem Kleinen. Ein Kölner „Köbes“, der morgens nach diesem Vorbild Pils, Alt und Kölsch panschte, nähme das zweite Frühstück schon in der Zwangsjacke.

Suppen mit vielen Zutaten schmecken nach allem und nichts. Es lohnt sich, in die Zeit vor dem Quirl zurückzugehen.

Jakobus, der Bruder Jesu – allein der Name hat Generationen von Theologen ins Schwitzen gebracht. Er, und die anderen in der Bibel erwähnten Brüder und Schwestern Jesu, dürfen wegen der „ewigen Jungfräulichkeit“ Marias ja keinesfalls echte Geschwister des Herrn sein. Also hängt man dem armen Joseph eine Patchworksippe aus erster Ehe an, oder macht sich eine wüste Vettern- und Cousinenwirtschaft passend.

Wie auch immer, Jesus geht diese sensationell heilige Familie während seines Erdenwallens mächtig auf den Senkel. In seinem Herzen brennt eine grundstürzende Message für das ganze Universum, die bucklige Verwandtschaft versucht ihn an die Hobelbank zu ketten.

Erst nach Tod und Auferstehung Jesu wird Jakobus scheinbar zum Sachwalter seines Bruders. Zusammen mit Petrus und Johannes leitet er die erste Christengemeinde in Jerusalem und hält die Truppe geeint, als es Petrus nach Rom zieht. So weit, so löblich. Gleichzeitig aber ist er der mächtige Gegenspieler des neu hinzugekommenen Paulus, der, ebenfalls Jude, die offene Weltkirche fordert. Hat der Chef doch gesagt, „bleibt hier nicht stecken, schwingt die Hufe und lehrt alle Völker“. Jakobus dagegen will Neubekehrte erst zu Juden machen, Juden, die Jesus mögen, aber halt Juden.

Mit Peitschen in den Zimmermannsfäusten hat Jesus die Banker aus dem Tempel geprügelt, den hinterhältigen Sabbatpetzern sagte er „wenn Dir ein Schaf am Samstag ins Loch fällt, lässt Du es drin, Du Depp, oder holst Du es raus?“, der heißblütigen Ehebrecherin riet er „mach mal halblang, Baby“, und abends schlürfte er nach harter Erlösungsarbeit mit den Party-People sein Weinchen aus der Amphore – ein junger Wilder, ein cooler Typ und großer Chiller vor dem Herrn.

Aus diesem Mann mit Bart, dem Revoluzzer, nachträglich ein windelweiches Abziehbildchen für´s orthodoxe Familienalbum zu machen, daran arbeiten Jakobus und seine Truppe – ausgerechnet verbündet mit den Pharisäern, und das sagt schon alles. Wer hat Jesus ans Kreuz gebracht, wenn nicht diese seelenlosen Oberfrommen, die es sooo gut meinen, die Tugend-Stalinisten, die gottfernen Erbsenzähler. Die bringen einen um vor lauter Liebe.

Das falsche Anbiedern ist letztlich für die Katz. Die Jerusalemer Bosse lassen Jakobus bei der erstbesten Gelegenheit vom Dach schubsen, mit einer Walkerstange erschlagen. Simon, ein weiterer Bruder, wird sein Nachfolger, aber dieser Irrweg zur Familiensekte endet kurz darauf tragisch im Schutt und in der Asche des brennenden Jerusalem.

Es sind Paulus und Petrus, die das Christentum aus dem verstaubten palästinensischen Sandkasten in die Metropolen bringen, Athen und Rom, und da gehört es auch hin, mitten unter die Menschen, denn die Nachfolger Jesu sind eine Bewegung, keine Institution.

Ermordet wurde Jakobus, der Vorsteher der Gemeinde, mit dem Werkzeug der Wollfilzer, weshalb ihn die Hutmacher zum Patron wählten. Mitunter kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der jetzige „Vorsteher der Gemeinde“ auch von Filzprofis umgeben ist, die mit ihren Bischofsstäben himmelhohe Filzmauern wirken. Wünschen wir dem lieben Franziskus, dass die Schlüssel des Petrus noch öffnen und dass das Schwert des Paulus gewetzt ist.

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Wenn Sie den Heiligen des Monats April 2014 vermissen.... wir haben’s zeitlich einfach nicht geschafft. Das holen wir natürlich nach.... im April 2015. Sie dürfen sich freuen!

 

Heiliger des Monats März 2014: Oscar Romero

Festtag: 24. März

Während er die Messe feiert, wird am 24. März 1980 der Erzbischof des kleinen mittelamerikanischen Landes El Salvador direkt vor dem Altar erschossen. Die Mörder sind Soldaten im Auftrag der Regierung. Der von den USA unterstützte und ausgebildete Militärapparat El Salvadors dient weniger der Verteidigung des Landes gegen äußere Feinde, sondern eher der Wahrung der Interessen der wenigen reichen Großgrundbesitzer gegen das in Armut versinkende eigene Volk. Massaker, Folter und das gezielte Töten aufrechter Bürger sind Alltag.

Erzbischof Romero, ein getreuer Hirte seiner Schafe, findet deutliche Worte gegen Terror und Unterdrückung, schweigt trotz Drohungen nicht, wird ernstlich gewarnt, bleibt aber auf seinem Posten und trinkt den Kelch eines wahren Nachfolgers Jesu.

Man leitet das Heiligsprechungsverfahren ein, alle Welt rechnet mit einem schnellen Abschluss, aber dem neuen Papst Johannes Paul II passt dieser Theologe der Befreiung nicht ins vernagelte Weltbild. Er schickt den ebenfalls rechts gewirkten Präfekten der Glaubenskongregation Ratzinger vor, den Prozess auf Eis zu legen, und dieser tut das gern.

Hunderte Menschen spricht dieser Papst heilig, mehr als jeder Vorgänger, aber diesen einen ganz bewusst nicht. Im Gegenteil, wie zum Hohn ernennt Johannes Paul II Jahre später den Militärbischof El Salvadors zum Nachfolger des brutal hingerichteten Oscar Romero. Die nie bestraften Killer werden sich gefreut haben, kuck mal, die in Rom haben uns lieb.

Wen Johannes Paul II dagegen erst selig- und dann heiligspricht, ist Josemaria Escriva, der Gründer des „Opus Dei“. Das „Opus Dei“ ist eine fromme Seilschaft, stramm auf Gehorsam und Linientreue ausgerichtet, entstanden und gewachsen im konservativen Flügel der unter dem Diktator Franco eh herzlich weit nach rechtsaußen gedrifteten spanischen Kirche. Durchregieren von oben runter, Priesterherrschaft statt Gemeinde, Kungeln mit den Reichen statt Solidarität mit den Armen, kurz ein ewiggestriger, rückwärtsgewandter Laden, in dem Demokratie und Gewerkschaften keinen Platz haben. Diese eher unappetitliche Truppe fördert Johannes Paul II mit aller Kraft, das sind seine Jungs.

Zur Erinnerung: Christentum, war das früher nicht die Religion, in der allein die Liebe, die Zuwendung zueinander, das Öffnen der Herzen zählte? Hat dieser Christus nicht gesagt: „Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft. Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden". Und sein Jünger Paulus: „Wer den andern liebt, hat das Gesetz erfüllt. Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. Also ist die Liebe die Erfüllung des Gesetzes".

Wie um alles in der Welt kann irgendein Mensch der Meinung sein, er tue das Werk Gottes (= opus dei), wenn er nicht voller Liebe ist? „Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand. Die Liebe hört niemals auf.“ - Wie verträgt sich das, was Paulus schreibt und Jesus sagt, mit der kaltherzigen Bunkermentalität weiter Kreise der kirchlichen Hierarchie? Wie kann man Homosexuelle und Geschiedene als Menschen zweiter Klasse behandeln, Märtyrer der Menschenwürde wie Oscar Romero in ihrem verzweifelten Kampf alleine lassen, und gleichzeitig meinen, Gottes Werk zu tun ?

Fast überflüssig zu erwähnen, dass dieser brave Militärbischof, der frech oder unbedarft genug war, unter dem Applaus der Mörder den Platz Romeros einzunehmen, „Opus Dei“ Mitglied war.

Wenn im April 2014 Johannes Paul II im Schnellverfahren heiliggesprochen wird, während Oscar Romero in der Warteschleife der wahrhaft Sanftmütigen kreist, kann man mit Paulus denken „die Liebe erträgt alles, hält allem Stand“ - oder man lässt sich gleich vom Chef selber trösten, der sagte „die Letzten werden die Ersten sein, und die Ersten die Letzten“.

In diesem Sinn hat Oscar Romero wirklich alle Zeit der Welt.

 

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Heilige des Monats Februar 2014: Anne Line

Festtag: 27. Februar

Was tun, wenn man der durch und durch katholische Spross einer durch und durch katholischen Familie ist, sein Brot aber am Hof einer protestantischen Königin verdient, die aus machtpolitischen Gründen alle Romtreuen im Land mit dem Tod bedroht? Man endet als Märtyrer oder man hält fein still.

William Shakespeare wählt den lebensverlängernden Weg der Diskretion, gibt seiner ewigjungfräulichen Königin Elisabeth keinen Grund zur Klage: “There will be but one mistress here and no master.“ sagt sie, zu deutsch „Als Gott den Mann schuf, übte Sie nur.“ - und alle parieren, God save the Queen.

Aus anderem Holz geschnitzt dagegen unsere Heilige. Adlig geboren als Alice Higham, konvertiert die Teenagerin zusammen mit ihrem Bruder aus Überzeugung zum katholischen Glauben, nimmt in der Taufe einen neuen Namen an, Anne. Der Vater enterbt beide, sie heiratet heimlich und ohne elterlichen oder amtlichen Segen den ebenfalls katholischen Roger Line. Seiner religiösen Überzeugung halber verfolgt bleibt Roger standhaft, stirbt 1594 verbannt in Flandern.

Seine Witwe Anne organisiert den katholischen Untergrund in London. Für Flüchtige und Gefährdete mietet sie sichere Verstecke, in heimlichen Zusammenkünften wird ihr eigenes Haus zur Kirche. Der trotz aller Drohungen und Verbote große Andrang zu Lichtmeß 1601 macht die staatlichen Schnüffler aufmerksam. Dem anwesenden Priester gelingt dank eines von Anne vorbereiteten Verstecks später die Flucht, Anne selbst jedoch kommt in Ketten, auch Freunde werden eingekerkert. Ein Todesurteil ereilt ausschließlich sie, da ihr Temperament einer Kooperation nicht förderlich ist. Dem Richter sagt sie geradeheraus, was sie einige Tage später vom Schafott herunter laut und deutlich wiederholen wird:

"I am sentenced to die for harbouring a Catholic priest, and so far I am from repenting for having so done, that I wish, with all my soul, that where I have entertained one, I could have entertained a thousand." - „Ich bin zum Tode verurteilt, weil ich einem katholischen Priester Obdach gewährt habe, und ich bereue nichts, ganz im Gegenteil, ich wünschte aus vollem Herzen, ich hätte diese Hilfe 1.000 zukommen lassen.“

So lässt eine sehr modern emanzipierte Königin eine ebenso emanzipierte Geschlechtsgenossin hängen, wo gehobelt wird, fallen Späne, Elisabeth hat sich ihr Königreich von Anfang an rücksichtslos mit dem ganz großen Beil zusammengezimmert.

Und was macht unser Poet? Er schreibt Anne Line ein wunderhübsches Trauer-Gedicht, „Der Phönix und die Turteltaube“, aber aus Vorsicht derart verklausuliert, dass sich die Wissenschaftler seit Jahrhunderten über die Interpretation streiten. Ja, er verwischt die Spuren seiner Überzeugungen so gründlich, dass die protestantische Mehrheit der Doctores bis heute kein Weihwasser in seiner Tinte erkennen will. Wie auch immer, die Verse seines Gedichts feiern eine große Leidenschaft:

„Liebten sich, wie wenn, verdichtet
Lieb' in Zwei'n zu einem Wesen,
Trennungslos geteilt gewesen.
Da hat Liebe Zahl vernichtet.

Herzen nah im Weiten schienen;
Denn nicht Raum war, und doch Ferne
Zwischen Taub' und ihrem Sterne.
Allen Wunder, außer ihnen.

Eigentum sich so verließ,
Dass im Selbst das Selbst verschwand,
Einzelwesen, zwiebenannt,
Weder zwei noch eines hieß.“

Ob der Dichter hier tatsächlich Anne und Roger ein Denkmal setzt, die Nebel der Vergangenheit verhüllen es. Sicher ist, dass uns überwältigende Kunstwerke vorenthalten geblieben wären, hätte sich William Shakespeare in diesen Tagen so unverblümt treu-katholisch geäußert wie Anne Line. „Othello“, „König Lear“, „Macbeth“ und „Der Sturm“ entstanden alle nach 1601, und vielleicht hätte es Elisabeth ja sogar vermocht, die Erinnerung an diesen Stückeschreiber ganz auszulöschen.

Shakespeare bleibt Dichter, er wird so wenig Held oder Heiliger wie die meisten von uns, bei ihm fließt nur Theaterblut. Während Anne Line Gottes Stadtguerilla lebt, spricht Williams Hamlet sein Unbehagen an unserem angepassten Alltag auf offener Bühne entschuldigend aus:

„So macht Bewußtsein Feige aus uns allen;
Der angebornen Farbe der Entschließung
Wird des Gedankens Blässe angekränkelt;
Und Unternehmen, hochgezielt und wertvoll,
Durch diese Rücksicht aus der Bahn gelenkt ….“

 

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Heiliger des Monats Januar 2014: Basilius der Große

Festtag: 2. Januar

Patron der Kinder, der Mönche, der Seefahrer, der Bibliophilen

Bücher Bücher Bücher: staubsicher verschlossen ruhen hunderte und aberhunderte Papyrusrollen in den Schränken aus geschnitzem Zedernholz, stapeln sich die dicken Codices aus Pergament dicht an dicht in den Regalen. Viele Ausgaben sind illustriert, manche uralt, schwer auffindbare vollständige Abschriften der großen Dichter und Denker, von den Zeiten des Makedoniers Alexander über des Augustus goldenes Rom bis hin zur frühesten christlichen Tradition.

Seit Generationen ist die Familie des Basilius der frohen Botschaft zugewandt, seit alters her bringt sie schlaue Köpfe hervor. Bildung gilt hier alles, ein neuer, gut gefüllter Bücherschrank ist wichtiger als ein weiterer Olivenhain.

Basilius lebt und wirkt in der Mitte des 4. Jahrhunderts in Kappadokien, in Jahrzehnten aufgeregten Umbruchs. Einerseits ist das Christentum gerade von den endlosen Blutbädern der staatlichen Verfolgung erlöst worden, andererseits sind die alten Religionen noch stark, ein Sieg der neuen Ideen keineswegs sicher, es gibt Rückschläge. 

Als Priester, Bischof und Publizist ist Basilius einflussreich und angesehenen, ein Schwergewicht in jeder Diskussion. Mehrere seiner Vorfahren und engen Angehörigen werden bereits als Heilige verehrt, sein Bruder Gregor von Nyssa schreibt herrlich riskante fundamentaltheologische Betrachtungen über letzte Fragen, beide gemeinsam schätzen den sehr abgefahrenen und höchst umstrittenen Theologen Origines.

In eigenen Veröffentlichungen ist Basilius praxisnah. Aus seiner Feder stammt die prägende Regel zum Zusammenleben der Mönche, eine von ihm verfasste Liturgie bringt Ordnung in lokalen Wildwuchs. Erfolgreich bekämpft er die Jesu Gottheit leugnende arianische Irrlehre, gegen deren Urheber Arius formuliert er das Schlagwort von dem „einen Wesen in drei Personen“. Diese Definition Gottes schließt Jesus und den heiligen Geist ein, es läuft nun auf eine Dreifaltigkeit hinaus.

Nicht überall wird in dieser wilden Zeit so feingeistig an der Weiterentwicklung der frohen Botschaft gearbeitet. Manche Gemeinden greifen schlicht zum Hammer, zerschlagen die verbliebenen Götzenbilder, demolieren die Tempel, übertünchen die Bilder der verlotterten olympischen Götterschar.Ja, es werden Stimmen laut, die in radikaler Political Correctness fordern, die Literatur der Alten dem Feuer zu übergeben, dem reinen Gottesstaat zuliebe. Es steht auf Messers Schneide, hier fallen Entscheidungen mit langer Wirkung – in den Westen kehren Plastiken erst Jahrhunderte später zurück, die Ostkirche lehnt Statuen bis heute ab.

In Basilius Brust schlagen zwei Herzen. Einerseits will er natürlich den Untergang der wirren, unmoralischen Götterwelt der alten Zeit, das Ende des würgend einengenden Aberglaubens. Andererseits sind er und seine Freunde Büchernarren durch und durch, Freunde des Wissens, Liebhaber der klugen – und der schönen Worte. Die Argumente der christlichen Radikalen gegen die Schriften des Feindes wiegen schwer, aber was wäre ein Leben ohne Poesie, ohne Ovid, Horaz, Homer, Vergil?

Zur nicht geringen Überraschung der Eiferer fällt ihnen Basilius in den Rücken. Ausgerechnet Basilius, diese Stütze der Rechtgläubigkeit, die Säule der Kirche, der Lehrer der Lehrer, bricht eine Lanze für die Lektüre der Alten. Mit seinem schnell verbreiteten „Mahnwort an die Jugend über den nützlichen Gebrauch der heidnischen Literatur“ rettet er den geistigen Ertrag der griechischen und römischen Kultur in die Zukunft:

„Wollen wir klug sein, dann eignen wir uns aus jenen Schriften nur das Passende und der Wahrheit Verwandte an, übergehen aber das andere. Und wie wir beim Pflücken der Rose die Dornen vermeiden, so werden wir auch bei einer nutzbringenden Benützung solcher Schriften vor dem Schädlichen auf der Hut sein.“ (Kap. III,1)

„Denn diejenigen, welche aus jedem Gebiete sorgfältig ihren Nutzen ziehen, bekommen so wie die großen Ströme natürlich von überallher ihren Zuwachs.“ (Kap. VIII, 12)

Wenige Sätze aus dem richtigen Mund zur richtigen Stunde sorgen dafür, dass Klöster nicht nur religiöse Kaderschmieden, sondern auch Heimstätten des kulturellen Erbes werden. Als tausend Jahre später die Humanisten auf der Suche nach den Originalen der Schriften Ciceros und Plinius´ ausschwärmen, können sie nur finden, was fleißige mönchische Schreiberhände der Nachwelt bewahrt haben. Nicht um des Bewahrens willen, sondern weil sie die Autoren der Antike zu ihrer eigenen Bildung und Schulung nutzten. Es gibt keine Überlieferung antiker Kultur außerhalb der christlichen Klöster, die ganze geistige Welt der Renaissance ruht fest auf der gelassenen Toleranz des Mittelalters und führt diese fort. Wenn Tugenden wie Individualität, gesunder Menschenverstand und Mut zur eigenen, abweichenden Meinung als gegensätzlich zur bunten und vielgestaltigen mönchischen Tradition des Mittelalters dargestellt werden, dann stimmt das einfach nicht:

„Allein es gibt nichts, was der verständige Mensch mehr fliehen muss, als für den Ruhm zu leben und auf das zu sehen, was dem großen Haufen gefällt, statt die gesunde Vernunft zur Führerin des Lebens zu wählen, an deren Hand er niemals von dem als recht Erkannten abweicht, müsste er auch allen Menschen widersprechen und um des Guten willen Schmähung und Gefahr riskieren.“

So schreibt Basilius, Schutzpatron der Mönche, zu Recht „der Große“ genannt, und welcher Humanist könnte es humaner sagen, welcher Aufklärer klarer?

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Heiliger des Monats Dezember 2013: Stephanus

Fest: 26. Dezember

Patron der Steinbrecher, der Maurer, für einen guten Tod

Stephanus, der erste Jünger Jesu, der diesem in den Tod nachfolgt. Im Plan der Autoritäten setzt der Mord am Zimmermannssohn aus Nazareth den Schlusspunkt. Diese Galiläer sind aber komplett von der Rolle, außer Rand und Band, diskutieren an jeder Straßenecke, organisieren sich.

Unaufhaltsam wächst und gedeiht die basis-kommunistische Sandalentruppe, wählt sich Funktionäre. Die meisten Stimmen erhält Stephanus, er organisiert die Armenhilfe, ein mächtiges und volkstümliches Instrument der Propaganda, das ist der Griff nach der Macht.

Der Gegenschlag erfolgt schnell und effektiv. Stephanus wird gekidnappt und vor ein Gericht gestellt. Das Gericht ist durch und durch Partei, alle Zeugen gekauft, ein abgekartetes, böses Spiel. “Was ist das mit diesem Jesus?”, wollen die genervten, nervösen Richter wissen. Das Volk wird unruhig, bereitet sich hier ein Aufstand vor? Dieser Wirrkopf ist doch mausetot, alle haben ihn gesehen, wie er im Frühjahr neben der Straße am Balken hing. Die Vorstellung ist aus, und keiner geht nach Hause.

Mit Stephanus haben sie den richtigen erwischt, er nimmt kein Blatt vor den Mund. Deppen seien sie alle miteinander, blind und blöd hätten sie den Messias umgebracht, ihren eigenen König, das verheißene Heil Israels. 

Der Saal kocht, manchem ist das ein Stich ins Herz, die meisten knirschen mit den Zähnen, die Stimmung ist aufgepeitscht. Unwahrscheinlich, dass Stephanus diesen Schauprozeß mit heiler Haut verlassen wird. Und? Was tut dieser junge Mann, macht er in De-Eskalation, rettet er sich in Kirchentagsgeschwafel? - Einen Teufel tut er, Stephanos Protomartyros, Erz-Blutzeuge, Politkommissar Gottes: seine Arme breitet er aus, seine Augen reißt er auf, legt seinen Kopf in den Nacken und ruft laut und klar ins plötzliche verblüffte Schweigen: „Ich sehe den Himmel offen, die Herrlichkeit Gottes, und mein Freund Jesus steht zur Rechten des Herrn.“

Hundert Schreie wie einer antworten, sie treten und prügeln ihn durch die Stadt zum Tor hinaus, bewerfen ihn mit Steinen, bis er zermanscht tot liegt.

Ist das Feuer der Christen-Revolte damit ausgetreten, sieben Monate nach der Kreuzigung? Das Gegenteil geschieht. Wie zerstäubende Funken verteilen sich die Kader der Bewegung hinein ins Reich und darüber hinaus, ein Flächenbrand. Die Gemeinde Jesu flieht, aber Ideen nisten im Kopf, und den trägt man mit sich. Saulus, einer der Schlächter des Stephanus, eilt den Entkommenen hinterher, die Lizenz zum Töten hat er vom Hohen Rat.

Nun, es hat nicht funktioniert, es funktioniert nie. Die Gedanken sind wirklich frei, Zensur ist kindisch. So, wie es nach der alten Architektenweisheit „kein dichtes Flachdach gibt“, das Wasser findet seinen Weg, so lassen sich neue Botschaften nicht zurückrufen.

Stephanus ist in der Sekunde dem Tod geweiht, als er sagt, dass er Jesus zur Rechten Gottes sieht. Den Jesus, dem man gut 30 Jahre bei allen menschlichen und allzu menschlichen Verrichtungen zuschauen konnten. Ein Mensch, dessen menschliche Mutter noch lebt.

Das genau ist der Kern der Message selbst, wogegen alles andere zu Killefitz wird: der Unerreichbare, Ungreifbare, Gott selbst, hat sich kleingemacht, ist Mensch geworden mit allen Konsequenzen. Hat uns Menschen damit groß gemacht, sehr groß, mit allen Konsequenzen. In dieser Gottesnähe gründet die Würde des Menschen, nicht in irgendwelchen abstrakten Menschenrechten. Die Gottesebenbildlichkeit des Menschen duldet auf die Dauer keine Sklaverei, die verträgt sich schlecht mit einem rücksichtslos triebgeleiteten Verhalten wie auf dem Affenfelsen im Kölner Zoo oder am Ballermann, die geht mit Krieg nicht zusammen.

Die Mächtigen unseres Planeten wollen durchregieren, einzelne Menschen wie Jesus oder Stephanus sind denen nur Spielsteine. Guantanamo gehört besten Freunden, und diese Freunde führen mit unserer freundlichen Hilfe einen irre-mörderischen Drohnen-Krieg gegen Frauen und Kinder. In China und Russland herrscht das Lagersystem wie eh und je, Afrika liegt weithin im Chaos, Südamerika im Würgegriff von Drogenbossen - und genau den Wirtschaftskonzernen, die uns das tägliche Stück Fleisch auf den Tisch zaubern, kaum einer fragt nach, wie.

Das Vermächtnis des ersten Blutzeugen Stephanus ist die Botschaft der hohen Würde des Menschen. Diese Botschaft überall auf der Welt durchzusetzen, wird noch das Blut ungezählter frommer Menschen kosten. Aber auch nur das Blut, mehr können die Mächtigen den Märtyrern nicht nehmen, letztlich siegt die Wahrheit. Immer.

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Heiliger des Monats November 2013: Josaphat

Fest: 27. November

Wenn in einer dieser zynischen TV-Rate-Shows, wo Krümel an die Armen verteilt werden, damit diese nicht auf die Idee kommen, sich den ganzen Kuchen zu nehmen, die Millionen-Euro-Frage lautete: „ist Buddha ein katholischer Heiliger?“, würden das selbst viele Theologen verneinen.

Ein junger Mann aus adliger Familie schwelgt Tag und Nacht in Luxus und Überfluss, seine bildschöne Frau liebt ihn, beide haben einen Sohn. Der Senior, in dessen Palast die kleine Familie in paradiesischer Sorglosigkeit lebt, herrscht über ein wohlhabendes Ländchen. Jeden Anblick von Elend, Armut und Vergänglichkeit hält der Herr Papa bewusst von seinem auserwählten Nachfolger fern.

Umso schockierter ist dieser dann, als ihn ein unbewachter Ausflug mit der Realität konfrontiert. Ein Greis ohne Haare und Zähne, ein Fieberkranker, ein verwesender Leichnam, ein Mönch in bewusster Armut – diese Eindrücke zerbrechen seine rosa Brille. Sofort lässt er alle und alles hinter sich, materieller Wohlstand erscheint ihm nun als täuschende Fassadenmalerei, als schaler Ersatz tieferer innerer Erfahrungen. Mehrere Jahre durchwandert er die Ferne, hört viele Philosophen und Gottesgelehrte, probiert sich in ihren Anweisungen. Nachdenkend geschieht ihm die endgültige Erleuchtung: dass jedes individuelle Begehren ganz sinnlos, ein Trugspiel ist, dass der Weg zum Heil über die Lösung von Leidenschaften führt. Bis zu seinem Tod predigt er dies ungezählten Menschen, sammelt Schüler um sich, die ihm folgen in Wort und Tat.

Das ist die Geschichte des heiligen Josaphat, und zugleich ist sie es nicht. Denn, christlich gedeutet wird Josaphats Lebenserzählung und Lehre erst im kulturellen Einflussbereich Konstantinopels. Den Arabern ist er vorher (und noch gar nicht christlich) als „Budhasaf“ bekannt, die Tradition kam über den Iran zu ihnen, wo er „Bodisav“ heißt. Den Persern wiederum berichteten ursprünglich die benachbarten Inder vom „Bodhisattva“, „dem Erleuchteten“. Der indische Königssohn Siddhartha Gautama Bohisattva, den jedermann „Buddha“ nennt, ist des Josaphat Kern. „Lost in translation“, so kann man auch heiliggesprochen werden. Die Kirche jedenfalls übernimmt auf diese Weise im 8. Jahrhundert wesentliche Lehren des Buddhismus in ihren überquellenden Legendenschatz und befeuert den Eifer ihrer Gläubigen mit der Weisheit des fernen Ostens.

Der Asket und Mönch und spätere gerechte Herrscher im Reich seines Vaters namens Josaphat wird populär im Abendland, man übersetzt seine Gleichnisse und Geschichten in alle Sprachen. Mitten in der schönsten Ritterzeit sitzen die tapferen Recken auf der Gozzoburg in Krems an der Donau, deren Bankettsaal teils bis heute mit der Geschichte des heiligen Josaphat ausgemalt ist, und lassen sich vom Minnesänger zum gepflegten Bierchen auf Mittelhochdeutsch was von Buddha vorsingen: ein Bild für die Götter, wie die Haudraufs in Blechhosen da an ihrem Kharma arbeiten!

Dabei ist das buddhistische Gedankengut leicht zu christianisieren. Schon Jesu „Vorläufer“ Johannes der Täufer, von dem Jesus selber sagt „unter allen Menschen hat es keinen größeren gegeben“, lehrt die Abwendung von den Leidenschaften, die radikale Umkehr, die Ausrichtung des ganzen Lebens hin auf den Geist, die Liebe, Gott – und materielle Werte sind ihm, dem „Rufer in der Wüste“, so unwichtig, ja störend, wie seinem Kollegen vom fernen Ganges. „Übertünchte Gräber!“ schimpft Johannes die Kinder der Welt, und Buddha hätte seine Freude daran gehabt: Kumpel in Kutten, vier Fäuste für ein Halleluja.

Als heiliger Josaphat re-inkarniert passt Buddha prima aufs Wolkenbänkchen, neben all die anderen Prophetinnen und Propheten. Oder hat der Herr in Orange seinen Lotosblütenthron mitgebracht? „Katholisch“ heißt „umfassend“, und so gehört Großzügigkeit und frohes Integrieren zum Innersten der Message.

Es ist daher recht possierlich anzuschaun, wenn Zeitgenossen das Kreuz von der Wand und vom Hals nehmen, statt dessen einen im Tchibo-Shop gekauften Buddha neben die Gartenzwerge setzen und dann meinen, sie hätten sich mit ihrer Wohlfühl-Esoterik wunders wie rabiat von der Kirche abgesetzt. Weit gefehlt, ihr Kinder Gottes, breit lacht die bunte Heiligenschar aller Völker und Nationen, weit gefehlt.

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Heilige des Monats Oktober 2013: Josephine Leroux

Fest: 23. Oktober

Die selige Josephine ist eine junge Frau von 22 Jahren, als sie 1769 den Klarissen in Valenciennes beitritt. Geboren ist sie in Cambrai, ihr ganzes Leben verbringt sie dort im Norden Frankreichs an der Grenze zum heutigen Belgien.

Die Klarissen leben die Tradition der heiligen Klara, des radikalen Franciscus von Assisi Seelenfreundin. Äußere Armut, innerer Reichtum. Der Welt unauffällig scheinen solche spirituellen Menschen, und wahrlich bemisst sich das Gelingen eines Lebensentwurfs ja nicht daran, ob ihn die Bildzeitung oder Hallo Deutschland der Dokumentation für würdig erachten.

Nicht Josephine ist es, die spektakulär ins Rad der Geschichte greift, umgekehrt, es ist die politische Entwicklung, die ihr, der mittlerweile 47 jährigen ganz und gar harmlosen Nachfolgerin Christi ein unfassbar grausames Ende bereitet. Anfang September 1794 wird ihre gesamte klösterliche Gemeinschaft verhaftet. Die Gesetze Frankreichs dulden nach der Revolution von 1789 keine geistlichen Orden mehr. Steckt man sie ins Arbeitshaus, um sie „produktiv“ zu machen? Schickt man sie zur Strafe in die Kolonien? Nein, dieser Gruppe von wehrlosen Frauen wird in aller Öffentlichkeit, die Bürger können vom Mittagstisch aus durchs Fenster zuschauen, mitten in Valenciennes bei lebendigem Leib und vollem Bewusstsein der Kopf abgeschnitten. Die ersten 5 sterben am 17. Oktober, die restlichen 6 eine knappe Woche später. Wollte man sie den Horror noch ein paar Tage „auskosten“ lassen, ist es einfach Willkür, wer weiß. Mit Josephine stirbt auch ihre jüngere Schwester Marguerite und die Oberin des Konvents. Das sind 11 von Hunderten Nonnen, Mönchen, Priestern. Abertausende von adligen Männern, Frauen und Kindern werden abgeschlachtet, auf offener Straße. Napoleon, erst General der Revolution, später ihr Erbe und Diktator, schickt europaweit Millionen Soldaten und Zivilisten in einen erbärmlichen, sinnlosen Kriegstod. Zum erzwungenen Schluss 1815 ist Frankreich keinen Quadratmeter größer als vor dem Vierteljahrhundert pausenlosen Gemetzels.

Bis heute gedenken die Franzosen dieser Ereignisse – nicht etwa der Opfer, nein, der glorreichen „Revolution“, Stichtag 14. Juli, der „Sturm auf die Bastille“. Das einfache Volk schwenkt Fähnchen bei der Panzerparade, genießt den Nationalfeiertag und schläft mal aus. Die oberen Zehntausend dagegen sitzen in ihren Stadtpalästen und Landschlösschen auf den Zinsenzinsen der Berge von Geld, die sich ihre Vorfahren in selbiger „Revolution“ zusammengerafft haben, schlürfen Austern zum Schampus -  savoir vivre, in geschlossener Gesellschaft.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Die Freiheit derer, die eh schon reich sind, noch immer reicher zu werden. Die Gleichheit der anderen in Chancenlosigkeit und Armut – und auf dem Schlachtfeld, der neu errungenen allgemeinen Wehrpflicht sei Dank, alle auf einem Haufen – und vor dem Gesetz, wo bis heute Max Mustermann in den Knast wandert und teure Rechtsanwälte die „Gleicheren“ raushauen. Und herzerwärmende Brüderlichkeit der Herrschenden gegen notleidende Banker, die sich mit Posten im Aufsichtsrat revanchieren, geteilte Freude ist halt doppelte Freude.

Im Geschichtsbuch liest sich das irgendwie „netter“, unsere verstaubten Professoren stehen nicht so auf die ekligen Details, da ist von Idealen die Rede und Menschenrechten und was nicht alles. Vive la Trance ! möchte man diesen Träumern zurufen, es ging ums Geld, was sonst Kinder, und Papier ist geduldig. Nüchtern betrachtet, bringt die französische Revolution diejenigen an die Macht, die sie heute noch haben, die Bourgeoisie, das Großbürgertum – und da werden sie auch bleiben, denn „alle Macht geht vom Volke aus, um nie wieder zu ihm zurückzukehren“, das ist parlamentarische Demokratie.

Josephine Leroux ist das bewusst, denn natürlich wird auch ihr Kloster beschlagnahmt und verschoben werden, korrupt bis in die Knochen ist die ganze Republik. Wer tot ist, kann nicht reklamieren, ihre Ermordung macht die Beute der Umsturzgewinnler krisenfest.

Kein noch so wild zusammenfabuliertes Traktätlein des Mittelalters ist so sehr Märchenstunde wie unser schulmäßiges Erzählen von der Französischen Revolution.

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Heilige des Monats September 2013: Oranna

Fest: 15. September

Patronin Lothringens und des Saarlands, gegen Ohrenleiden

Es ist doch herrlich, wenn man in dieser globalisierten Welt, in der wir alle immer flexibler, mobiler und stromlinienförmiger werden sollen, jemanden trifft der Regino heißt und man weiß sofort: der Kerl ist aus Prüm! Cordulas und Ursulas stammen gern aus Kölle (bei einer Plektrud weiß man sogar, aus welchem „Veedel“), Corbinians entspringen Bayerns Fluren, nur Augsburgerinnen heißen seit alters her Afra, das Münsterland bringt Ludger hervor, die Wiege einer Oranna steht ohne Zweifel an der Saar.

„Oranna“, was für ein abgefahrener Name für eine kerndeutsche Heilige. Irgendwann in frühfränkischen Tagen lebt und wirkt sie mit einer Freundin namens Cyrilla als gottentflammte Zweisiedlerin und beredte Vermittlerin des neuen Liebesglaubens im waldigen saarländisch-lothringischen Grenzgebiet. Beider Heimat ist Irland, der heilige Wendelin vielleicht Orannas Bruder. Die Iren haben zwar erst nach der „Römerzeit“ zum Christentum gefunden, dafür dann aber mit Karacho – und diese frischerleuchteten Inselkelten haben sich mit den ebenfalls im Keltischen wurzelnden Töchtern und Söhnen der Saar offensichtlich prachtvoll verstanden. In und um den Ort Berus vergisst man Oranna und ihre bewusstseinserweiternde Glaubensfreude nicht, der Sarkophag mit den Überresten der beiden gemeinsam bestatteten Mädels wird immer treulich bewahrt, steht nach Irrungen und Wirrungen heute wieder in der Kirche der Heiligen in der grünen Natur nahe Berus.

Kaum erinnert man sich mancher Sandkastenfreunde, nur mit Mühe der Reihe der Bundespräsidenten, geschweige denn der Könige und Herrscherinnen vergangener Zeiten, alles Schall und Rauch. Oranna aber wird seit anderthalb Jahrtausenden gedacht, Mädchen werden auf ihren Namen getauft. Atemberaubend, wie solche lokalen Heiligen das Gedächtnis ihrer Landschaft bündeln und lebendig erhalten: es gibt einen Brunnen mit heilendem Wasser in Berus und eine eiserne Krone, die läss man sich aufsetzen, und die in der Kindheit taub gewesene Oranna nimmt sich Deines Ohrenleidens an. - Das ist keine künstliche TV-Folklore, das ist echt, das ist Wirklichkeit, die spirituelle Tradition eines konkreten Ortes, konkreter Menschen und deren Vorfahren bis zurück in die Antike.

Hoch sollen sie leben, die Ortsheiligen, die Hüter des geistigen Schatzes ihrer Wirkungsplätze! Wohnt ihr in der Umgebung, dann besucht ihre Feste, nennt eure Kinder nach ihnen – und in drei Txxxxxx Namen, feiert die Namenstage!!! Dieses dusselige Geburtstagsfeiern, Runzelzählen mit „ehemals Gleichaltrigen“, fette Schnittchen essen, wer unter Gottes blauem Himmel braucht denn das!?! 

Am Namenstag in einer Kirche des Namenspatrons hochgestimmt diesem nahen Freund aus anderen Welten gedenken und mit unmessbarem Rückenwind aus dem Alltagstrott heraussegeln, unsichtbar getragen – das gibt Schmackes, und zu Recht und sehr katholisch singen die Iren von Celtic Glasgow „You´ll never walk alone !“ - was für ein geiles Gefühl, kein Gold der Erde wiegt das auf.

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Heiliger des Monats August 2013: Franz Reinisch

Fest: 21. August

„Ich schwöre bei Gott diesen heiligen Eid, dass ich dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes, Adolf Hitler, dem Oberbefehlshaber der Wehrmacht, unbedingten Gehorsam leisten und als tapferer Soldat bereit sein will, jederzeit für diesen Eid mein Leben einzusetzen.“ Das ist der Eid, den jeder Soldat zur Zeit der Nazi-Diktatur ablegen muss, auch die Priester, die zur weiteren Zerschlagung der Kirche zahlreich zum Kriegsdienst  gezwungen werden.

Natürlich ist der 1934 eingeführte Text des Eides ein Unding. Bei Gott zu schwören, dass man einem Menschen unbedingten Gehorsam leisten wolle, geht gar nicht. Man kann sich nur wundern, dass sich die Armee eine solche Anmaßung zu eigen machte. Damals, 1934, ein Jahr nach der Inthronisierung des Postkartenklecksers aus Wien, hätten anständige Offiziere – wenn es sie denn gegeben hätte - den braunen Kehricht noch ausfegen können. Zehn Jahre später, beim Anschlag im Juli 1944, war es zehn Jahre zu spät - kein Mensch, der bei Trost ist, geht fünf Minuten vor Schluss aus dem Kino, wenn ihm der Film von Anfang an nicht gefällt.

Als dieser Fahneneid dem Pallottiner-Pater Franz Reinisch zugemutet wird, 1942, da ist es bereits ein Eid auf das Böse selbst. Knietief watet Hitler im Blut seiner Millionen Opfer, lernschwache Schüler steckt man im Rheinland in Gaswagen und schickte den fassungslosen Eltern einen Schuhkarton mit Asche, ganze Altersheime leeren sich über Nacht, die Juden Europas, Sinti und Roma, die katholische Priesterschaft Polens, wehrlose russische Kriegsgefangene, im Osten brennt man Dörfer voller Frauen und Kinder ab, der Teufel ist los.

Pater Reinisch, eine Predigerbegabung, tourt Ende der 30er Jahre rastlos durch Deutschland, stemmt sich gegen die Unmenschlichkeit, die Entchristlichung. 1940 verpasst ihm die Gestapo einen Maulkorb, vollständiges Redeverbot, er hält sich nicht daran. Es folgt die Einberufung, er bespricht sich mit Freunden, Pater Kentenich, selbst in Dachau im KZ, bestärkt ihn. Am 15. April 1942 betritt er die Kaserne in Bad Kissingen und erklärt dort, den Fahneneid auf Adolf Hitler nicht leisten zu wollen. Zur „Erledigung“ solcher Fälle braucht das Militär keine Hilfe, das kann man selber. Überwiesen ins Wehrmachtsgefängnis in Berlin wird ihm dort vom Reichskriegsgericht der Prozess gemacht. Der Richter versucht ihm eine Brücke zu bauen und argumentiert, er als Priester könne sich dem „Kampf gegen den Bolschewismus“ doch nicht verweigern. Pater Reinisch entgegnet sinngemäß, dass der schlimmste Feind des deutschen Volkes der Führer des deutschen Volkes sei. Die Fakten liegen auf dem Tisch und halb Europa in Trümmern, jeder kann diese Schlussfolgerung ziehen, aber nur wenige sprechen die offenbare Wahrheit aus. Am 21. August wird Franz Reinisch von der deutschen Armee durch das Fallbeil hingerichtet.

Es braucht 12 Jahre, die Nazi-Diktatur niederzukämpfen, dann fast fünfmal so lange (bis 2002!), um gegen dauernden Widerstand alter und neuer brauner Kameraden die offizielle Aufhebung der Urteile ihrer Terror-Gerichte zu erreichen. Man muss sich das Missverhältnis vor Augen halten: von den Tätern der Nazi-Zeit wird kaum einer angeklagt, noch weniger werden verurteilt, und deren Begnadigung erfolgt dann umgehend in den ersten Jahren der Bundesrepublik. Hans Filbinger, Nazi-Militärrichter, NSDAP-Mitglied und SA-Mann, kann in Baden-Württemberg sogar Ministerpräsident werden. Franz Reinisch aber bleibt für Deutschland bis 2002 ein Schwerkrimineller - „Recht“ und „Gerechtigkeit“ sind und bleiben zwei verschiedene Paar Schuhe.

Lassen wir uns überraschen, wann wir Franz Reinisch ganz amtlich als heiligen Märtyrer, mutigen Bekenner der Wahrheit und glänzendes Vorbild begrüßen dürfen: der Seligsprechungsprozes läuft, unsere besten Wünsche sind mit seinen sich kümmernden treuen Pallottinern.
 

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Heilige des Monats Juli 2013: Anna

Fest: 26. Juli

Schutzpatronin der Frauen, der Mütter, der Eheleute, der Familien

Die Oma vom lieben Gott, wow. Davon steht kein Wort in der Bibel, aber eine sehr früh einsetzende Tradition, fast noch zur Zeit der Augenzeugen, mag irgendeinen historischen Kern enthalten. In den ersten Jahrhunderten spielen diese Überlieferungen keine Rolle, alle Debatten konzentrieren sich auf die Lehre und Christus selbst, seinen Status in der Heilsgeschichte. Als 451 das große Konzil von Chalkedon endlich einen Schlussstrich zieht und definiert, dass Jesus wahrer Mensch und wahrer Gott zugleich ist, wird seine bürgerliche Biographie interessanter.

Wenn Jesus nämlich einerseits wirklich wahrer Mensch ist, dann ist Maria andererseits tatsächlich „Mutter Gottes“: und mit dieser ungeheuerlichen Aufwertung Mariens steigt auch die Konjunktur für weitere Verwandtschaft. Die bestehenden Legenden treiben neue wilde Blüten, zu Annas Mann Joachim treten der im Witwenstand geehelichte Zweitmann Cleophas und nach dessen Verbleichen als Dritter im Bunde Salomas: alle Ehen mit Töchtern namens Maria gesegnet, mit Kindern und Kindeskindern, darunter der Chef höchstpersönlich sowie die Apostel Jakob der Ältere und Jakob der Jüngere, Johannes Evangelist etc. pp., eine unüberschaubare Schar. Ganz ekstatische Skribenten wollen schließlich gar von Jesu Urgroßeltern Stollanus und Emerentiana wissen, auf Gemälden der „Heiligen Sippe“ tobt eine komplette Kita durch den Saal.

 Die Kirche im Osten bekennt sich früh zum bunten Trubel, während die nüchternen Theologen des Westens sich zieren. Es dauert hier volle 1000 Jahre, bis der zähe Druck der Massen die Dämme der Doktoren bricht und 1481 die Aufnahme Annas in den römischen Festkalender erzwingt.

Die Volksfrömmigkeit liebt das Begreifbare, das Anschauliche, misstraut zutiefst der Spekulation. Jesus eingebunden in eine rundum weiblich dominierte Familie mit Großmutter, Mutter, Tanten, wo weder die Männer der Anna noch der brave Joseph irgendeine Rolle spielen, wo Jesus von der Wiege bis zur Bahre Sohn einer allgegenwärtigen Mutter bleibt – und nur sie steht unterm Kreuz, zusammen mit den Tanten, Johannes muss parieren, wird der Mutter zugeschlagen - das gefällt den Frauen Europas, und die tragen schließlich die Religion, wer bringt der nächsten Generation das Beten bei, etwa die Männer? Um 1500 ist Anna der Superstar unter den Heiligen, an jeder Ecke werden ihr Kirchen und Kapellen geweiht, alles schwelgt im Familienrausch, Blut ist dicker als Wasser.

Die Reformation bringt dann einen Knick. Luther, ursprünglich selber ein heißer Annen-Verehrer, läutet die “Vermännlichung“ des Christentums ein. Nicht mehr sinnliche Volksfrömmigkeit soll das Bild der Kirche prägen, sondern ausschließlich von Männern dargebotene trockene Schrift-Exegese, eingebettet in stundenlange Predigten, wo Männer ex cathedra Moral predigen dürfen bis zur Erschöpfung aller Beteiligten, und Amen. Das reiche Ordensleben der Frauen mit ihren ganz eigenen Wegen mystischer Gotteserfahrung wird zu Gunsten der Gönner Luthers, der adligen Herren, die alles beschlagnahmen und verjubeln versaufen, ersatzlos zerschlagen. Er selbst heiratet eine Nonne und schickt sie an den Kochtopf, hält großzügig Hof im geklauten Kloster.

Und heute? Die Protestanten haben gelernt, Frauen sind dort in Amt und Würden, prägen die Kirche zum Wohle aller. “Gott schuf den Menschen als sein Ebenbild; nach Gottes Bild erschuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie.“

Und die Katholiken ? Den Jesus haben sie aufgemotzt, der darf jetzt fresh sein, überall Jugendgottesdienste für die Handvoll gläubiger Teenager – aber Gottvater, an dem wird nicht gekratzt, der kommt irgendwie immer noch rüber wie Osama bin Laden, keine Spur davon, dass nicht nur Adam sein Ebenbild ist, sondern auch die kurvenreiche Eva, dat lecker Mädche. An der Basis rumort es derweil gewaltig. Landauf landab halten Frauen Sonntag für Sonntag Wortgottesdienste, stehen Verheiratete beiderlei Geschlechts am Ambo und machen einen guten Job.

Stoßgebet: Heilige Mutter Anna, Du hattest Deine Männer und den ganzen Clan doch fest im Griff: kannst Du Deinen Lieblingsenkel nicht dazu bringen, die schlamperte römische Junggesellenwirtschaft aufzumischen? - Ich gelobe feierlich: nach meiner ersten Messe mit einer waschechten katholischen Priesterin am Altar gehe ich zu Fuß von der Eifel runter nach Düren und bete bei Deinem Haupt einen Rosenkranz ! 

Da fließt noch viel Wasser den Rhein runter, klar - aber ich lebe gesund und bin viel an der frischen Luft – wenn der Chef das vorher nicht hinkriegt und ich über 100 werden sollte, bevor sich was tut, dann komme ich eben im Auto und schiebe ersatzweise den Rollator dreimal um die Kirche.

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Heiliger des Monats Juni 2013: Antonius von Padua

Fest: 13. Juni

Schutzpatron vieler Berufe, der Liebenden, der Eheleute, der Frauen in all ihren Nöten, der Armen, um eine gute Ernte, verlässlicher Helfer der Suchenden

Moderne Lebensbeschreibungen weisen Brüche und wilde Wendungen auf, selbst das Curriculum Vitae in der Bewerbung um einen Managerposten darf sich heute mit einer Auszeit als Zirkusclown in Kolumbien schmücken.

Antonius dagegen ist fromm von Anfang an, statt wilder Jugend und folgender Bekehrung wächst er gleich im Kloster auf, wird Mönch und bleibt es, erst in seinem Geburtsland Portugal, später in Italien bei den neuen Franziskanern, als deren erster Theologe er auf persönliches Bitten des heiligen Franziskus wirkt. Auch wenn er manchmal vor vollen Stadien predigt, der äußere Verlauf seines Lebens bleibt unspektakulär und, wie seinerzeit üblich, kurz: er stirbt in Padua am 13. Juni 1231, erst 36 Jahre alt.

Warum ist dieser Antonius so populär, warum ist er der vielleicht meist verehrte Volksheilige schlechthin? Weil er Wunder wirkt, Wunder ohne Ende, Wunder am laufenden Band. Wunder zu Lebzeiten in ungezählter Menge, Wunder nach seinem Übergang in die bessere Welt, Wunder über Wunder. Antonius war offensichtlich davon überzeugt, dass bei uns Weltkindern „Viel viel hilft“, und so versetzt er Berge, löst Knoten, führt heraus aus Labyrinthen. Rund um den Globus wenden sich Millionen täglich zu ihm in Verzweiflung über Verlorenes, und Antonius bringt Sortier in diese widerspenstige Dingwelt, das durfte auch der Autor dieser Zeilen erfahren.

Natürlich kann man rumklügeln und angestrengt nach nicht-spirituellen Gründen für solche Erlebnisse suchen - wem´s Spaß macht, da wird sich schon was finden. Man kann Wunder aber auch einfach staunend geschehen lassen, und zum Dank ein Gebet losschicken, eine Kerze anzünden, ein paar Blumen in die nächste Kapelle stellen, ein paar Euro extra dorthin schicken, wo sie gebraucht werden.

Wunder, eins der letzten Tabus. Normalbürger zucken zusammen, Religionslehrer winden sich wie die Aale, Berufsintellektuelle schütteln ihr schütteres Haar. Warum das Aufgeregsel? Wenn man an Gott glaubt, an das unseren Alltag und Kleinkram krass Übersteigende, dann sind Wunder das Normale, durchdringt der Schöpfer seine Schöpfung, ist sein hell leuchtender Funke so allgegenwärtig wie der Tau in der Wiese.

Jungferngeburt, Auferstehung, Visionen aller Art, das sind doch Peanuts für den Chef, da braucht der doch keinen Schlaumeier, ihm zu erklären, dass er das eigentlich nicht darf.

Na ja, und wenn man nicht glaubt, dann braucht man sich auch nicht zu wundern.

 

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Heiliger des Monats Mai 2013: Brendan der Reisende

Fest: 16. Mai

Schutzpatron der Segler und Windsurfer

Zu der Zeit, als Patrick, Apostel der Iren, seinen Platz hoch auf den Stufen des ewigen Thrones der Gottheit einnimmt, wird Brendan in ein wildes, von Kampfgetümmel und niemals verklingendem Schlachtenlärm erfülltes Irland geboren; dessen Dächer von den Fackeln des Krieges, dessen Herzen von den Flammen des heiligen Geistes brennen und lodern. So viele bluttriefende Schwerter, so viele mit der vollen Macht des Herrn ausgezeichnete heilige Frauen und Männer, die es nicht auf ihrer Insel hält, die ihren alles überwältigenden Glauben mit der Menschheit teilen wollen. Durch ganz Europa ziehen sie zu Fuß und unter Segeln, Tage und Nächte, Leben lang. Kelten auf Speed christianisieren England, krempeln den ganzen Kontinent um. Die machtgeil sachlichen Franken wissen gar nicht recht, wie ihnen geschieht, die kultivierten städtischen Romanen staunen Bauklötze, die geistliche Flut der Rotschöpfe ist nicht aufzuhalten.

Brendan wird 512 zum Priester geweiht, und in seinem hundertjährigen Leben wendet er sich unermüdlich seinen keltischen Schwestern und Brüdern zu. Er lehrt, bekehrt, heilt und tröstet in Irland, Schottland, Wales und der Bretagne, wo immer die alte „britische“ Sprache noch unangefochten herrscht.

Clan-Chefs mit der Axt in der Hand zu trotzen, nicht mehr Besitz als die Kutte auf dem Leib, Kirchen bauen mit bloßen Händen, ganze Stämme taufen in eisigen Bächen, auf ein paar Brettern übers Meer.

Uns heutigen scheint ein solches Leben fabelhaft, nicht nachlebbar, aber was wissen denn wir schon? Leben ist nicht gleich Fernsehen, und umgekehrt. Mit Ende 40, also in einem Alter, in dem Bundesrepublikaner wie wir das Haus abbezahlt haben und nun darauf warten, wie die Rente auf einen zukommt, setzen sich Brendan und seine wettergegerbten Brüder mal wieder ins Boot. Richtung London, oder Paris, oder gleich nach Rom, neue Gebetbücher holen? Nein, geht gar nicht Digga, die Jungs hassen Routine. Wo ist noch überhaupt nie keiner nicht hingefahren? Nach Westen !! Und ab schippern sie in den Sonnenuntergang, Psalmen auf den Lippen zu der schönen Melodie „Ick hew mol en Hamborger Veermaster seen“.

Als die Truppe 7 Jahre später ihr Boot wieder auf den heimischen Strand zieht, hat man viel zu erzählen. Erstens, man fällt von der Erde nicht runter, da ist noch jede Menge Wasser („don´t push me cause I´m close to the edge“) – „und zweitens waren wir in Amerika, staunste!?!“

Klar, die können viel erzählen, wenn der Tag lang ist – aber wo zum Teufel sollen die denn sonst so lange gewesen sein? Die haben doch nicht 7 Jahre auf den Ruderbänken gesessen und geangelt! Ab nach Westen, zurück aus dem Westen, eigentlich kein Kunststück, nur altmodische Schwerarbeit. Kolumbus kannte die Story, der hat dran geglaubt – war dann ja irgendwie auch einfacher als gedacht, man muss nur machen und nicht zu bang sein.

Äußerst unsichere Zeiten vermitteln Brendan und seinen wandernden Gefährten die Wahrheit, dass sich ein Menschendasein trotz seiner offensichtlichen Kürze nicht planen lässt. Gottesglaube heißt Vertrauen, immer frisch ans Werk, Gut und Schlecht kann jeder auseinander halten.

Angst und Grübelei dagegen sind Sendboten der Hölle, die Melancholie völlig zu Recht eine der sieben Todsünden, Skeptizismus die Discount-Religion der Warmduscher und Drückeberger. „Was ist Wahrheit ?“ fragt Pilatus, der Sack, dabei weiß er doch genau, was gespielt wird, wie wir.

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Heiliger des Monats April: Werner von Bacharach

Fest: 19. April

Schutzpatron der Winzer oder
Schutzpatron des Antisemitismus, der Judenverfolgung und der reuelosen Mörder

Gründonnerstag 1287 wird in Bacharach am Rhein der erst 16 jährige Winzer-Tagelöhner Werner ermordet aufgefunden. Seine Leiche ist schlimm zugerichtet, es war wohl ein Sexualmord an dem völlig mittellosen Teenager. Wer immer sich an ihm vergangen hat, suchte sich gezielt einen schwachen und arglosen jungen Menschen ohne Familie und Anhang aus, das perfekte Opfer, der arme Kerl wurde schon im Hunsrücker Heimatort vom Stiefvater geprügelt, schließlich rausgeworfen. Vielleicht ist alles lange geplant, der Täter aus der Nachbarschaft - wie es so zugeht in dieser besten aller Welten.

Jetzt sollten die lieben Bürger nachfragen: wer hat den Werner zuletzt gesehen, wer waren seine Freunde – oder auch Feinde, gab es Streit? Die Honoratioren von Bacharach wählen nach ausgiebiger gemütlicher Beratung bei ein paar Gläschen Rheinwein eine Abkürzung des üblichen Procedere. Man beschließt, nicht den Mörder des Habenichts zu suchen (der sich möglicherweise in den eigenen Reihen fände, sehr unangenehm), sondern stattdessen – Überraschung! - gleich noch ein paar Nachbarn mehr umzubringen. Die überschaubare christliche Gemeinde von wenigen Hundert Einwohnern schlachtet daraufhin über Ostern gut 30 der jüdischen Bacharacher ab. Die haben zwar rein gar nichts mit dem Mord zu tun, aber Vorteil 1: man plündert zusätzlich deren gesamten Besitz und spart sich so die Ausgaben für Ostergeschenke; Vorteil 2: man ist all der lästigen Schulden ledig, die man bei den weinhandelnden jüdischen Geschäftspartnern hatte und kann den bereits verkauften Wein erneut losschlagen - oder selber saufen, Wohlsein!

Eine Begründung für ihr doch sehr durchschaubares Gemetzel liefern die arischen Bacharacher auf Anfrage nach. Böse, böse Juden hätten den Werner nach der Gründonnerstagsmesse abgefangen, in einem Keller an den Füßen aufgehangen, damit er die Hostie des Abendmahls wieder ausspucken solle, und ihn folgends zu Tode gefoltert.

Diesen haarsträubenden Quatsch glaubt ihnen kein Mensch, so dumm ist nicht mal das Mittelalter, auch nicht den Bacharachern zuliebe. Die übergeordneten Obrigkeiten (Bischof, König, Kaiser) verurteilen das Blutbad an friedlichen, unschuldigen Untertanen scharf mit deutlichen Worten. Höheren Orts ist man sogar richtig gründlich sauer, denn alle Juden im Reich zahlen ihre Steuern an Bischof König Kaiser, jetzt haben aber die Bacharacher die schönen, blutigen Talerchen alleine eingesackt, und natürlich gibt eine tote Kuh keine Milch.

Wer Unrecht hat, der häuft es gern. Als die fröhlichen Winzerleute merken, dass der Shitstorm an ihnen vorbeirauscht und ihre Mordorgie ungestraft bleiben wird, legen sie gleich noch eins drauf. Aus dem armen Werner, der in seinem kurzen Leben außer schlecht bezahlter Arbeit und dem letztlichen Todesstoß nichts von ihnen bekommen hat, machen sie mit atemberaubender Frechheit einen Märtyrer. Man investiert einen Teil des gestohlenen Geldes schlau und nachhaltig in Infrastruktur, in den Bau einer weithin sichtbaren Werner-Kirche, die dem verkehrsgünstig am Rhein gelegenen Wein-Ort viele durstige Pilger mit vollem Geldsack bringen soll. Zuerst bockt der nachtragende Bischof zwar, beschlagnahmt ihnen einmal sogar die Baukasse unterm Hintern weg, aber Zähigkeit siegt und irgendwann ist ihr Werner richtig amtlich heiliggesprochen.

Und jetzt ratet einmal, liebe Leserinnen und Leser, wann dieses außergewöhnlich schäbige Verbrechen samt dessen extra dummdreister Vertuschung namhaft gemacht und der falsche Heilige wieder kassiert wird? In der Reformation? In der alte Zöpfe abschneidenden Gegenreformation, in der Aufklärung, in der französischen Revolution?

Im 1882 erschienenen 5. Band des offiziösen, bischöflich genehmigten „Vollständigen Heiligen=Lexikons (Stadler)“ werden die mittelalterlichen Lügen unverändert als Fakten aufgetischt, die Opfer zu Tätern gemacht, „weshalb sie der verdienten Strafe nicht entgingen“, man traut seinen Augen nicht.  Verdiente Strafe? Selbst wenn das blöde Horror-Märchen komplett wahr wäre und einige Juden so zum Spaß vor Ostern einen Christen filetiert hätten (was für ein irrer Käse überhaupt!), wäre das doch überhaupt keine Entschuldigung dafür, im Gegenzug 30 Menschen zu ermorden, allen (!) Juden den Besitz zu nehmen, die Überlebenden zu vertreiben. Wie dunkel muss es im Oberstübchen von Herrn Pastor Ginal und dem seiner geistlichen Mitautoren ausgesehen haben, wie wenig passt solch ein dummer, finsterer Hass in ein Lexikon von Heiligen, die doch dem Gott der Liebe inbrünstig nachgelebt und entgegengestrebt haben.

Nein, auch wenn es richtig weh tut, der Kelch des Fremdschämens will bis zur Neige ausgetrunken werden: erst 1963, ein Jahr nach dem „Love me do“ der Beatles, 6 Jahre vor dem Flug zum Mond, streicht der zuständige Trierer Bischof den so vielfach missbrauchten Werner aus dem Festkalender. 1963! Vorher, also auch nach 1945, wurde sein Tag fleißig gefeiert, ohne schlechtes Gewissen darüber, dass dieser wirklich tiefbraune Mist den Nazis schön breit den Weg geebnet hat, nicht aber dem Herrn.

Es gibt Fortschritte, klar: eine Werner-Kapelle in Oberwesel wurde kürzlich umgeweiht, und in den eindrucksvollen Resten der Werner-Kirche in Bacharach wurde ein „Sorry“-Plakettlein angebracht – um weiter mit der pittoresken Ruine touristisch werben zu können, das unrechte Gut gedeiht und lässt das Geld im Kasten klingen. Zu später Stunde unterwegs auf der A61 heimwärts Richtung Eifel winkt das Hinweisschild der „Bacharacher Werner-Kapelle“ dem Wissenden recht schaurig zu, und oft habe ich mich gefragt: was denken sich jüdische Automobilisten in solchen Augenblicken, in deutscher Nacht auf deutschen Autobahnen „den Straßen des Führers“?

In seinem heute evangelischen Hunsrücker Geburtsort Womrath steht bis dato ein schmuckes Wernerkapellchen, und die Website der Verbandsgemeinde faselt, auch nach über 700 Jahren von keinerlei Kenntnis getrübt, vom „Märtyrerknaben Werner“ (http://www.kirchberg-hunsrueck.de/wissenswertes38.html).

Warum in drei Teufels Namen dauert die Aufarbeitung so vieler so platt offensichtlicher Dinge so befremdlich peinlich endlos lange? Hat das Papamobil ein Gaspedal? Und kann mal jemand Super tanken?
Die Geduld vieler mit vielem ist gänzlich am Ende, so bahnen sich Revolten an.

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Heiliger des Monats März 2013: Dismas

Fest: 25. März

Schutzpatron der Todgeweihten und der zum Tode Verurteilten

Als der Zimmermannssohn genug vom Dickebretterbohren hat und endlich loslegt, kann man sich gar nicht schnell genug im Keller verstecken. Alles, was am schönen blauen See Genezareth bei drei nicht auf den Bäumen ist, wird gecastet, Karpfenschlitzer, Steuerheinis, politische Wirrköpfe, egal und herzlich willkommen in der Mannschaft.

Bereits zu Lebzeiten Jesu wundert man sich über die Bauerntrampel, mit denen er durch die Lande zieht. Den Jerusalemern sind das galiläische Dialektstammler, die ihre Memorabilien in einer geradezu schmerzlich schlichten Sprache niederschreiben – so sie denn überhaupt schreiben können, horribile dictu.

Es gab wohl tausend treffliche Gründe für den Messias, sich bei der Auswahl seines terrestrischen Teams der erstbesten Dahergelaufenen zu bedienen. Der Chef weiß schließlich mehr, als „Impulsveranstaltung“ steht Pfingsten im Firmenkalender, und reichliche Gaben von heiligem Geist werden der Gurkentruppe Feuer unterm Hintern machen: passt schon.

Immer aber kann sich selbst die personifizierte Sanftmut nicht mit dem Gedanken an ein zukünftiges Update über das Elend hinwegtrösten. Wenn diese Vollpfosten auf offener Landstraße gerade mal zehn Meter hinter ihm sich die Köpfe blutig schlagen über der Frage, wer im Gottesreich welchen tollen tollen Job bekommen wird; wenn ihm alle neidhammelig nicht gönnen, dass ein Groupie seine frischgewaschenen Füße massiert; wenn ihm Petrus zum soundsovielten Male lautstark vor allen Leuten die Welt erklärt (und dieses Großmaul ihn dann wortgewaltig verleugnet, als es drauf ankommt) – dann reißt Jesus der Geduldsfaden, gefühlte Stunden kann er den Haufen plätten und zusammenfalten, Herrgottsakramentkruzifixnochmal. Menschlich verständlich haben uns die Evangelisten von diesen spezielleren Herrenpredigten nur recht zarte Andeutungen überliefert.

Golgotha ist dann die Krönung des gruppendynamischen Prozesses. Er hängt gefoltert am Kreuz seinem Tod entgegen, nahebei auf einem Weg ist business as usual, die Leute kauen ihre Currywurst und machen sich lustig, spucken, werfen Steine, reißen Witze; selbst einer der mit ihm Todgeweihten würgt mit letzter Kraft dumme Sprüche auf den König in ihrer Mitte heraus – und seine Apostel, die Säulen der Kirche, die heiligen Zwölfboten - „standen in einiger Entfernung vom Kreuz“, wie Lukas gewohnt zurückhaltend formuliert. Einer der letzten Gedanken Jesu wird gewesen sein, „wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde“.

Und da hat der heilige Dismas seinen Moment in der kosmischen Geschichte des Heils. Er, der Mörder, Vergewaltiger, Schwerverbrecher am Kreuz zur Rechten des ungekrönten Königs von Juda; der nun so leidet, wie ehedem seine Opfer litten; für den es unaufhaltsam dem Tod entgegen geht; dieser Dismas sagt seinem Räuber-Kumpan, er solle das Maul halten und im Angesicht des Endes Gottesfurcht zulassen. „ Wir hängen am Holz, hätten besser früher hier gehangen. Der da hat nichts getan und stirbt wie wir. - Jesus, Mann Gottes, denk an mich.“

Und Jesus, der noch ungekrönte König, schlägt am Kreuz, diesem mystischen Thron des Menschensohnes, den Strauchdieb Dismas zum Ritter. „Der Abend dieses elenden Tages sieht uns beide – beide - nirgendwo anders als beim Vater. Uns erwartet das Paradies.“

Geprügelt haben sich seine Apostel, die Säulen der Kirche, um den Platz zu seiner Rechten. Als er aber zu vergeben war, der Platz zu seiner Rechten, da „standen sie in einiger Entfernung“, auf der Zuschauertribüne.

Und auf ewig am Thron steht Dismas, der schwarze Mann, der Böse, der einzige Heilige, den Gott selbst heiliggesprochen hat.

Sage mal einer, der Chef hätte keinen Humor – und Rache ist Blutwurst.

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Februar 2013

Heilige des Monats Februar 2013: Methodius und Cyrillus

Gedenktag: 14. Februar

Patrone der Slawen und der slawischen Länder

Das frühe Mittelalter ist der öffentlichen Meinung eine finstere Zeit. Unwissende Mönche predigen Wasser und trinken Wein, am Wochenende wird eine Hexe geröstet, alles hockt dumpf und dumm hinter dem eigenen Misthaufen. Die vorhergehende griechisch-römische Antike hingegen war der lichte Garten Eden, mit Fußbodenheizung, gewitzten Philosophen und rauschender Wasserspülung.

Lieb gewonnene Legenden eignen der Kirche in reicher Fülle, aber diese Märlein werden heute in Anführungsstriche gesetzt, man erinnert sich ihrer mit Ironie. Anders bei den verdrehten Halbwahrheiten der Aufklärung, die ihren Status als Fakten seit 200 Jahren so zäh und bierernst wie je ein päpstliches Dogma verteidigen. Dabei verfolgt doch nicht das Mittelalter selbsternannte oder so bezeichnete „Hexen“, wohl aber taten das Antike und Neuzeit. Im Mittelalter gilt „Zauberei“, ähnlich wie heute, als gegenstandslos, da nicht real, als Selbsttäuschung beschränkter Gemüter. Alle Wundermacht gründet in Gott, was soll Magie da anderes sein als Kinderei. Edle Einfalt, schlichte Größe, Humanität und überlegene Kultur? Ein Drittel der Menschen im römischen Reich lebt in der Sklaverei, ist rechtlich Sache, darf gefoltert, vergewaltigt, getötet werden, wird gefoltert, vergewaltigt, getötet, denn was der Mensch darf, das tut er meist auch.

Das christliche Mittelalter gesteht bei aller alltäglichen Härte jedem Menschen eine Seele zu, vor Gott sind wir gleich. Diese Haltung konfrontiert die eigentliche Sklaverei, sie wird an den Rand gedrängt, ist kaum mehr ein Thema. Das antike Rom wollte und konnte in keinem seiner gut 1.200 Jahre ohne diese gelebte barbarische Menschenverachtung sein.

Methodius und Cyrillus, Brüder, Kinder eines Beamten der oströmischen Verwaltung am schönen blauen ägäischen Meer, Hätten sich dort als gut ausgebildete Studierte im 9. Jahrhundert ein feines Leben machen können. Da beide aus Überzeugung Christen sind, schließlich Priester werden, tun sie Dinge, die in der durch und durch egoistischen Antike niemand, aber auch wirklich gar niemand getan hätte. Als ein Herrscher der zwischen Abend- und Morgenland beheimateten Slawen beim Papst in Rom und beim Kaiser in Konstantinopel darum bittet, ihm fähige Leute zu schicken, die seinen Völkern das Christentum nahe bringen können, machen sich die beiden auf den Weg. Thessaloniki, die Heimatstadt der Brüder, grenzt schon an von Slawen besiedeltes Gebiet. Beide sind deren Sprache mächtig, vielleicht hatte die Mutter dort ihre Wurzeln.

Nachdem Methodius und Cyrillus Bulgarien und den Balkan bis hinauf nach Böhmen durchquert und sich ein Bild der Lage gemacht haben, treffen sie eine weitreichende Entscheidung. Im ehemaligen weströmischen Reich ist Latein die meist verstandene und deshalb auch die in der Kirche verwandte Sprache, im Osten entsprechend das Griechische. Die Slawen sind eine neue Größe, Volksbildung und Glaubensunterrichtung können hier erfolgreich nur auf Slawisch erfolgen.
In Kürze entwickeln sie eine komplett neue, dem Slawischen angepasste Schrift (die Urahnin des nach einem der Brüder benannten Kyrillisch), übersetzen in atemberaubenden Tempo Bibel und Liturgie, lehren lehren lehren, hieven mit einem Hauruck die Kultur fast aller slawischen Völker hinauf in die Schriftlichkeit. - Dies riesige Werk wird in wenigen Jahren vollbracht, während Kriege toben, neidische Widersacher inner- und außerhalb der Kirche ihnen das Leben schwer machen, tausende und abertausende Kilometer legen sie per pedes apostulorum zurück.

In Zeiten wie den unseren, wo vielköpfige Kommissionen hinter warmen Öfen sitzend Jahrzehnte für zaghafte Rechtschreibreförmchen brauchen und nach aktuellem Bildungsbericht fast ein Zehntel der Deutschen ganze oder halbe Analphabeten sind, bekommt unser angelerntes Überlegenheitsgefühl beim Thema Mittelalter einen leisen Anstrich von Hochstapelei.

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Januar 2013

Heilige des Monats Januar 2013: Thomas von Aquin

Gedenktag: 28. Januar

Schutzpatron der Universitäten und Schulen sowie aller dort Lehrenden und Lernenden

Geistige Bewegungen brauchen mal mehr, mal weniger gedanklichen Überbau. Genügt dem Punk ein einziges Wort („nein“), so bringt es der Marxismus-Leninismus auf breite weite Bücherwände – durchaus in der Nachfolge des gestopft rappelvollen kirchlichen „Palastes der Scholastik“.

Die Grundlage dieser katholischen Gelehrsamkeit ist ganz amtlich der Thomismus, die gesammelte Schreibe des Thomas von Aquin: bis heute, das letzte Konzil hat´s bestätigt. Tausende und abertausende von Seiten Theologie, eisern konsequent durchgedacht, viel Plato, den ganzen Aristoteles, die Kirchenväter, die Tradition, die Bibel, alles drin, alles stramm auf Linie gebracht, ein geschlossenes System, von dem Querdenker abperlen wie der Regen vom frisch gewachsten Papamobil.

Der kleine Tommy hat nicht wirklich eine Chance: 1225 geboren, landet er 1230 im Kloster, eine Berufung direkt aus der Windel in die Kutte. Der Abt von Monte Cassino ist ein Verwandter seiner adligen Familie, und Tommy soll irgendwann mal was Großes mit spitzer Mütze werden. Ein bisschen heiligen Bock zeigt der Teenager, als er durchsetzt, zum neuen Bettelorden der Dominikaner gehen zu dürfen – ansonsten verläuft sein Leben schnurgerade, nie wird er vom 5. Lebensjahr bis zu seinem Tod etwas anderes tun als Theologie zu lernen und zu lehren. Mit messerscharfem Verstand ordnet er, was Antike und Mittelalter bisher so zusammengebracht haben, und nennt das Ergebnis „Summa Theologia“, will sagen „wir haben fertig“.

Wie viel Überbau braucht eine Bewegung? Was bietet hilfreiche Antworten gegen Spinner, was ist erwürgendes Zuviel? Es sind ja nicht zufällig die Theologen ihrer Zeit, die den unberechenbaren Sponti Jesus ans Kreuz bringen, nachdem sie ihm Tag für Tag an den Hacken geklebt, das Leben versauert und jedes, aber auch jedes Wort im Mund verdreht haben. In grausligster Pharisäer-Tradition rechtfertigt Thomas bei Gelegenheit die Todesstrafe für Abweichler, Andersdenkende – wie war das, „besser einer stirbt für das Volk ...“? Oder schärfer: hätte der wilde Zimmermann aus Nazareth eine Chance gehabt, unseren heiligen Thomas zu überleben?

Jesus sagte „all you need is love, sonst nix“. Nie hat er was geschrieben, nie sieht man ihn den Staub der Bibliotheken aufwühlen. Sein Leben ist seine Predigt, und die versteht, mit Verlaub, jeder Depp.

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Dezember 2012

Heilige des Monats Dezember 2012: Barbara von Nikomedia

Gedenktag: 4. Dezember

Patronin der Mädchen, Schützerin vor unverhofftem Tod, vor Blitzschlag, Patronin der Gefangenen, der Bergleute, der Artilleristen und vieler Berufe

Naher Osten, ein großbürgerlicher Haushalt, die Tochter im Teenageralter. Der Vater regiert seine Familie mit harter Hand, die Mutter duckt sich bis zur Unsichtbarkeit weg, das Mädchen muss parieren, wird weggesperrt. Dabei hat die Kleine was auf dem Kasten, stellt Fragen über Gott und die Welt, die ihr niemand beantworteten kann, niemand beantworten will.

Das Patriarchat lebt und es reagiert wie erwartet: so früh wie eben möglich soll die schöne Tochter verheiratet werden, „dann hört das dumme Gequatsche von alleine auf“. Die Braut in spe zeigt sich aber sperrig, will stattdessen lernen; man hat ihr eine Falle gestellt, wohin sich drehen und wenden?

Sie wagt das Ungeheuerliche: der Vater ist auf einem Business-Trip, sie hatte vom Christentum gehört, Briefe aus ihrem heimischen Gefängnis geschmuggelt; als Arzt getarnt besucht sie ein Priester und tauft sie in der Badewanne.

Im Zorn über diese Auflehnung will der Vater sie auf der Stelle totprügeln, sie entwischt, wird verraten, nach Hause geschleift, dem Kadi übergeben. Übertritt zum Christentum heißt Todesstrafe. Nach den üblichen unvorstellbaren Grausamkeiten entreißt der ganz rasende Vater dem Henker das Schwert, köpft seine Tochter selbst. Jetzt ist die Ordnung wieder hergestellt, wo kämen wir auch hin, und sie war ja auch nur ein Mädchen.

Wann spielt diese Geschichte? 306 nach Christus? Oder 2012? Lässt sich so nicht sagen, und das ist wirklich durch und durch frustrierend.

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November 2012

Heiliger des Monats November 2012: Stephanos der Jüngere

Gedenktag: 28. November

Schutzpatron der Kunst, insbesondere der Malerei

Anfangs der 1980er Jahre las man auf manchen innerstädtischen Betonmauern der völlig überraschend kurzfristig vom Punk infizierten Bundesrepublik den anarchistischen Slogan „Wir brauchen keine anderen Herren, wir brauchen gar keine!”. Gerichtet war das gegen die Linken und deren Tendenz, nach Erringung politischer Macht zu „roten Zaren“ zu mutieren – im „realexistierenden Sozialismus“ des damaligen Ostblocks hatte man das Trauerspiel ja ständig vor Augen.

Herrschaftsfreiheit, ein schöner philosophischer Traum. Als an einem Mittwoch im Jahr 765 in der hochzivilisierten, kultivierten und prächtigen Metropole Konstantinopel die Obrigkeit zu verstehen gibt, dass sie sich etwaigen spontanen Äußerungen des Volkszorns gegen einige bereits inhaftierte, dem Kaiser missliebige Mönche nicht entgegenstellen werde, verwandeln sich im Handumdrehen scheinbar normale Bürger zu begeisterten Killern. Mit Hurra!! wird das Gefängnis gestürmt, mit tobender Begeisterung werden der Abt Stephanos und einige andere Mönche herausgeschleift und so lange von mittlerweile blutbeschmierten, ganz freiwillig tätigen „Normalbürgern“ durch die gefegten und gepflasterten, von übervollen Läden gesäumten Straßen der Stadt geprügelt, bis von Stephanos und den Brüdern selbst die Leichen in Stücke gerissen sind.

Dieselben lieben Mitmenschen drücken abends ihre Kinder ans Herz, liegen im Ehebett, gehen am anderen Morgen ihrer Arbeit nach – ganz wie die SS-Leute der Vernichtungslager, die nach getanem Werk mit Pantoffeln an den Füßen im Familienkreis den Tag gemütvoll ausklingen lassen.

Merke: wenn im wirklichen Leben die Zügel gelockert werden, braucht es keine Stunde bis zum ersten Pogrom, das ist der Mensch.

Und, womit brachte der kleine, ganz machtlose Abt Stephanos die Bosse gegen sich auf? In der Zurückgezogenheit seines abgelegenen Klosters hat er sich der Ikonenverfolgung widersetzt. Kaiser Konstantin V. setzt aber wie sein Vater Leo auf eine Politik der Bilderfeindlichkeit, die de facto ein Kampf gegen das Mönchtum ist. Die Klöster sind Festungen einer unabhängigen Kirche, Horte lokaler Frömmigkeitstraditionen, der Heiligenverehrung und eben auch der Ikonen, die ja ausschließlich von Mönchen gemalt werden dürfen. Absolutistischen Staatsideen von strammem Durchregieren stoßen da an ihre Grenzen, und diese Grenzen möchten die Kaiser ausdehnen. Eine Kirche ohne Inseln der Unabhängigkeit, ohne Mönchtum, ohne Bilder, reduziert auf Symbole und Ideen, wird schnell so einflusslos, privat und blass, dass man sie vor einer weißen Wand nicht mehr sieht“. Prima für Tyrannen jeder Couleur ! Erbarmungslos drischt die chinesische Führung auf die tibetischen Klöster ein, abertausende Kirchen wurden im sowjetischen Rußland abgerissen, alle Orden in Nazi-Deutschland verboten. Herrschaft will alleine sein, hasst Widerworte.

Schöner Traum „Herrschaftslosigkeit“, will ohne Gewalt auskommen, klappt leider nicht auf dieser „besten aller Welten“ - schrecklicher Albtraum Diktatur, entfesselt alle Gewalt, zerstört sich immer selbst (Napoleons Außenminister Talleyrand sagte zu seinem Chef: „Mit Bajonetten kann man alles mögliche machen, nur nicht darauf sitzen.“).

Gut ist alles, was es dem Menschen ermöglicht, der Macht Zügel anzulegen, Freiräume für bunte Lebensentwürfe zu erhalten, durch Kunst und Religion und zweckfreies Denken Fenster zum ganz Anderen offen zu halten – der Abt Stephanos starb für mehr als für ein paar bemalte Bretter.
 

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Oktober 2012

Heiliger des Monats Oktober 2012: Franziscus von Assisi

Gedenktag: 4. Oktober

Offiziell vom Papst ernannter Schutzpatron der Öko-Bewegung, Patron Italiens, der Armen, der Bekleidungsindustrie, Helfer zu mutigen Entscheidungen

Natürlich ist Franziscus ein Heiliger! Dieser überaus schräge Vogel beeindruckt die Menschen wie nur wenige vor ihm, die Blitz-Heiligsprechung direkt nach seinem Tod ist eine reine Formsache, mehr noch als bei Mutter Theresa bestehen nicht die leisesten Zweifel. Demut, Armut, völlige Hingabe an Gott in der wildesten Form – das ist Franziscus. Bei einem Wettbewerb „Die Welt sucht den nächsten Jesus“ hätte er alle alle ausgestochen, der Mann aus Nazareth selber wäre wohl ins Schwitzen gekommen.

So ist er, der Franziscus, nach seinem 25. Lebensjahr. Und vorher? Heutige Enthüllungsjournalisten hätten ihre helle Freude, so richtig im Schlamm baden könnten sie beim lieben Franzerl, denn der Heilige als junger Mann ist nicht das Schwarze unterm Fingernagel wert.

Reicher Tuchhändler Sohn in Mittelitalien, wächst er in Wohlhabenheit und Überfluss auf. Wie das Leben so spielt, verdirbt ihn das gemachte Nest für die praktische Arbeit. Sein Vater mehrt auf Handelsreisen den Dukatenberg der Familie, unser Heiliger in spe wirft es mit vollen Händen aus dem Fenster. Jubel, Trubel, Heiterkeit, die Jeunesse dorée des Städtchens lässt die Puppen tanzen. Seine größte Leistung in Teenagerjahren ist, dass er den seichten Troubadour-Trallala aus Frankreich noch schmalziger als die Kumpane zu geben weiß, ein echter Karaoke-King, der Party-Kracher. Er, den seine Eltern auf den Namen Johannes getauft haben, wird von allen nur das „Französlein“ gerufen, und der Name bleibt kleben. Steigerung unmöglich ? Ha ha: als es dem Esel komplett zu wohl wird, geht er aufs Eis respektive zieht er in den Krieg. Rausgeputzt wie ein Karnevalsprinz schwingt sich der Lotterbube aufs schmucke Pferdchen, die Gegner aus Perugia sperren ihn für ein ganzes Jahr in den Keller – und so weiter und so fort, er bestiehlt seinen eigenen Vater, geht einfach allen auf die Nerven, es ist ein Elend, das Zugucken tut schon weh.

Und wie soll das nun zusammenpassen – Franziscus 1 und Franziscus 2? Das Scharnier ist sein Verständnis für die Armut. Eigentlich fehlt ihm die wahre Liebe zum Mammon – er strebt nicht nach dem Geld, er haut es nur raus. Die Armen unterstützt er immer, ein schöner Zug in einem ansonsten vertändelten Leben.

Man muss es immer wieder sagen: Heilige sind krass, oder gar nicht, das macht die Heiligkeit ja gerade aus, Warmduscher sind wir anderen. Für Franziscus kommt der Moment der Wahrheit mitten auf dem Marktplatz. Sein Vater ist den Zirkus endgültig leid und bringt seinen Sohn vor das öffentliche Gericht des Bischofs von Assisi. Sein Vater verlangt dort von Franziscus, ihm allen Besitz zurückzugeben und auf das Erbe zu verzichten. Franziskus zieht sich vor allen Leuten splitterfasernackt aus, entsagt allen weltlichen Ansprüchen und sagt, „von heute an ist allein Gott mein Vater“.

Jeder normale Mensch hätte Onkels und Tanten in Stellung gebracht, sich einen Anwalt genommen, es eine Zeitlang ruhiger angehen lassen. Franziscus aber ist ein Auserwählter, er erkennt in all dem letztlich kleinlichen Familiengezeter, in dem ganz unwichtigen Kleinstadt-Skandal den heiligen Kern der Stunde. Hopp oder dopp, wenn wir nur wollen, leben wir unser Leben selber.

Der Mut zur Radikalität, zum klaren Schnitt, hat in sich die Kraft, Berge zu versetzen. Als Franziscus die Stimme Gottes hört „Mache Dich auf und stelle mein zertrümmertes Haus wieder her!“, da tut der das, eigentlich unfassbar.

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September 2012

Heiliger des Monats September 2012: Aegidius

Gedenktag: 1. September

Patron der stillenden Mütter, Helfer gegen den Blues („geistige Verlassenheit“, wie man die Melancholie einst umschrieb, „et ärm Dierche = das arme Tier“, wie das trübe Gespenst der Depression in der Eifel heißt), Schützer des Viehs allgemein, einer aus der Schar der mächtigen 14 Nothelfer

Der Heilige Aegidius ist ein ehedem viel angerufener Heiliger, sein Name war populär. Der Autor dieser Zeilen selbst hatte einen Großonkel „Egid“, und letzthin fand sich ein Foto, auf dem selbiger Autor, des Schreibens da noch ganz unkundig, weil eben erst geboren, gar von seinem Ur-Großonkel „Jilles“ auf dem Arm gehalten wird, einem Ackersmann und Schmied und Gesundbeter vor dem Herrn.

Aegidius ist Grieche, wohl aus Athen. Geboren wird er um 640, das Völkerwandern ist gerade aus der Mode gekommen, man bastelt mit Schwung an einer neuen Zivilisation, die man viel später Mittelalter nennen sollte, um sich selbst als „Neuzeit“ feiern zu können, was für ein Quatsch, morgen haben wir die Motten, das ist der Lauf der Welt. Im Osten stirbt Mohammed, und sein grünes Banner zeigt Europa bald ernstlich seine Grenzen.

Als junger Mann kommt unser Hellene in die Provence, wird nahe der Rhone-Mündung Eremit. Lange Jahre lebt er dort ohne Kontakt zu den Menschen in einer abgelegenen Waldeinsamkeit, im Einklang mit der Natur, den Herrn in dessen Schöpfung suchend, nicht in Büchern über dessen Schöpfung, oder in Büchern über Bücher, wie unsere Theologen es gewohnt sind. Seine Legende erzählt, dass er regelmäßig von einer Hindin, also einer Hirschkuh besucht wurde, die ihn mit ihrer Milch in der Wildnis nährte.

In diese Idylle brach mit Gewalt sein blutrünstiges Jahrhundert ein - aber sind nicht alle Jahrhunderte blutrünstig ? Ein König der im Süden der Gallia herrschenden Westgoten sieht auf der Jagd die Hindin und setzt ihr nach. In Todesangst flieht das Tier zur Behausung des Einsiedlers, einer halb vom Dickicht verdeckten Höhle. Hinein ins unheimliche Dunkel traut sich der bekrönte Jäger nicht, aber einen Pfeil schießt er aufs geratewohl hinterher. Aegidius, die Zuneigung des Tieres vergeltend, stellt sich in den Weg und fängt das Geschoss mit seinem Körper auf. Der König redet nicht von „Kollateralschaden“, wie es amerikanische Präsidenten tun, er will seinen Fehler wieder gutmachen, das Blut des heiligen Mannes von sich abwaschen. Als Aegidius den Wunsch äußert, sein einsames Leben aufzugeben und ein Kloster zu gründen, hilft der Gote dem Griechen, und die spätere französische Abtei St. Gilles nimmt ihren Anfang, von italienischen Pilgern auf dem Weg nach St. Jakob in Spanien viel besucht. Multikulti ist der innerste Kern und die Kraft Europas, Nationalismus dagegen sein Untergang, man hat es ja erlebt.

Was steckt mehr in der Geschichte ? Diana, jungfräuliche Hüterin des Waldes, als Dea Arduenna auch Göttin der Eifel, in der Gallia überall verehrt, betritt hier in ihrem heiligen Tier, der Hirschkuh, die Bühne. Fürsorglich unterstützt sie, die überwundene Herrin der alten Zeit, den neuen Bewohner des Waldes , und dieser wagt bedenkenlos sein Leben, um sie zu schützen. Ein wunderschönes Bild der Transformation, der Überführung und des kraftvollen Weiterlebens heidnischer Frömmigkeit in der weiter gespannten Spiritualität des Christentums.

Auf Bildern des heiligen Aegidius steht die gerettete Hirschkuh oft an seiner Seite, auf manchen ist sie ebenfalls durch einen Pfeil verletzt und er pflegt sie. Solche Bildtafeln schmückten die Altäre, wirkten für Jahrhunderte und tun es noch. Das ist ein Gegenbild zu einer adligen Gesellschaft, die sich im „Mittelalter“ darin gefällt, im Sommer - in jedem Sommer! - in endlosen Kriegen und Fehden und kleinen dreckigen Metzeleien anderen Menschenkindern die Schädel einzuschlagen, und die im Winter, um nicht aus der Übung zu kommen, alles bejagt, was irgend Leben in sich hat. Die Einsiedler dagegen leben fleischlos glücklich und mühen sich, keiner Fliege etwas zu Leide zu tun.

Haben die Vegetarier eigentlich schon einen Patron ? Oder muss dafür irgendeine vatikanische Altherren-Kongregation erst noch in die Gänge kommen ? Statt Kanonen zu segnen und Truppen zu betreuen sähe man ja gern mal einen Monsignore mitten im Sojafeld stehen.

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August 2012

Heilige des Monats August 2012: Mariä Himmelfahrt

Gedenktag: 15. August

Ziel aller tapferen Reformatoren, unerschrockenen Revoluzzer und voll durchblickender Aufklärer war stets, die Kirche vom „eingeschlichenen“ Aberglauben zu befreien, rein sinnlich-gegenständliche Bräuche abzustellen, der Bilderverehrung Einhalt zu gebieten und nach glücklich vollzogener Reinigung dann mit frohem Herzen Gott allein zu loben.

Und so sitzen die von der gereinigten Fraktion denn in ihren weiß getünchten, ungeschmückten, bilderlos hellen Kirchen, hören sich lange schlaue Predigten an, atmen die frische, weihrauchfreie Luft, immer in voller Konzentration auf den HERRN, und nur den HERRN, der am Anfang war, der am Ende sein wird - und in der Zwischenzeit wird unermüdlich die Bibel studiert.

Mit Katholisch hat das soviel zu tun wie die Kuh mit dem Fußballspielen, weil der katholische Blick auf die Welt ein integrativer, kein puristischer ist. „Puristisch“ heißt, an einen Kern zu glauben, der sich unter dem Dreck und dem „bling-bling“ der Welt finden lässt, wenn man nur ernsthaft genug sucht. „Integrativ“ heißt, die Welt immer zuerst als Gottes Schöpfung zu begreifen, mit all ihrem Gewachsenen und Gewordenen so zu nehmen, wie sie ist, aber das ganze bunte Durcheinander mit dem Licht der Frohen Botschaft der Liebe zu durchdringen und zu erleuchten.

Was hat das mit dem Fest Mariä Himmelfahrt zu tun ? Nun, puristisch-protestantisch betrachtet gibt es an diesem Tag nicht viel zu feiern. Des Todes der Gottesmutter wird in der Bibel nicht gedacht, und wen interessiert es überhaupt, fertig.

Sehr im Gegensatz dazu hat integrativ-katholische Ballungsfreude an diesem Tag munter Aberglauben auf Glauben gehäuft, unbeweisbare Legenden zu Dogmen erklärt, mit staunenswert kindlicher Unbekümmertheit eine richtige Blütenlese altheidnischer Bräuche installiert. Ist der Tag selbst doch ein Echo der nachweisbar jahrtausendealten Feiern in der Mitte zwischen der Sommersonnenwende am Johannistag und der Herbsttagundnachtgleiche vor St. Michael - die anderen ebenso alten ”Zwischentermine“ sind St. Martin zwischen der Herbsttagundnachtgleiche und der Wintersonnenwende, Mariä Lichtmess zwischen dieser und der Frühlingstagundnachtgleiche, die Maifeiern vor der Sommersonnenwende. Unser Festtag lässt sich schon an jungsteinzeitlichen Kalenderbauten ablesen - so viel zum Thema Tradition.

Eigentlich gefeiert wird heute die Komplett-Aufnahme Mariens in den Himmel, mit Körper und Seele: was eine schöne und durchaus feiernswürdige Idee ist, aber natürlich eine ganz und gar unbeweisbare, sofern man einzig der sogenannten Wissenschaft die Ehre gibt. Die fromme Überlieferung weiß natürlich mehr, als Frau und Herr Professor sich nach einem Gläschen trockenen Bio-Weins träumen lassen.

Beim feierlichen Begräbnis der Gottesmutter im Beisein aller Apostel (ohne Easy Jet und I-Phone ist eine solche Vollversammlung doppelt mirakulös) war Mariens Sarg auf einmal nur noch von den prachtvollsten Rosen erfüllt, sie selbst hatte andere Wege genommen, wurde im Himmel von ihrem Sohn gekrönt und geehrt, was bildlich gern als harmonische Vierfaltigkeit erscheint. Diese Form der Himmelfahrt leitet elegant und floral zur folgenden Sakramentalie des Tages, der Kräutersegnung.

In katholischen Gemeinden werden an Mariä Himmelfahrt am Altar feierlich Heilkräuter, Getreideähren und Blumen gesegnet, was die Schöpfung so hergibt Mitte August. Man kann die Kräuter zu Hause an die Wand hängen - aber es hindert einen auch niemand daran, herrlichen altfränkischen Spökes damit zu treiben: dem kranken Haustier mischt man sie ins Futter, bei Gewitter wandert ein Zweiglein in den Ofen, man selber kann Tee davon trinken - und das Bändel vom Kräuterstrauß um ein verrenktes Gelenk gebunden entlastet die Krankenkasse - also alles geht, was die Volkssitte von Herzen liebt und schätzt. In unserem kleinen Eifeldorf heißt der ganze Tag gleich „Kroutwöschfess“ ….

Wir leben in einem freien Land, und auch diese Wahl ist frei: abgeklärt-gereinigt-protestantisch kann man sich dieses Feiertags begeben und dabei die hohe Wonne fühlen, auf den Schultern der nüchternen Mütter und Väter der Aufklärung zu stehen - oder man rollt sich an diesem Sonntagmorgen aus den Federn, bindet sich einen Strauß und feiert in einer katholischen Marienkirche an diesem herrlichen Spätsommertermin das Fest mit, die Nase umweht von Kräuterduft und Weihrauch, die Ohren erfreut von barockem Liedgut und donnernden Orgelklängen, die Augen erfüllt vom Schmuck des Gotteshauses.

Jede Jeck is anders, säät mer ze Kölle - ich werde wieder einen narrenkappenbunten Kroutwösch zusammensuchen, denn für verpasste Feiertage ist das Leben einfach zu kurz.
 

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Juli 2012

Heiliger des Monats Juli 2012: Ignatius von Loyola

Festtag: 31. Juli

Schutzpatron des Baskenlandes, der Jesuiten und der Soldaten, Helfer gegen Zauberei

Das Schlimmste gleich zum Anfang. Ignatius äußert allen Ernstes: „Wir müssen, um in allem das Rechte zu treffen, immer festhalten: ich glaube, daß das Weiße, das ich sehe, schwarz ist, wenn die Hierarchische Kirche es so definiert." - Und Ignatius hat diesen Satz genau so gemeint, wie er ihn geschrieben hat. Man staunt.

Da können die wackeren Urenkel Luthers nicht mit, wenden sich die Enkel der französischen Revolution mit Grausen, schütteln die Kinder des modernen Relativismus den Kopf. „Gehorsam“, das geht heute gar nicht mehr.

Ignatius war ein verwegener Offizier gewesen, dann fromm geworden. Er sah das morsch gewordene mittelalterliche Kirchengebäude in den 1520ern zerbröseln. Auf dem Balkan stürmte der Islam Richtung Wien und Mitteleuropa, viele Intellektuelle der Renaissance gefielen sich in neuheidnischer Indifferenz, in Deutschland wurde aus dem Versuch, die Kirche zu reformieren, die Missstände zu heben, eine Teilung in Altgläubige und Neugläubige. Der Spaltpilz, einmal freigesetzt, wuchert auf beiden Seiten munter weiter und weiter und weiter, bald gibt es christliche Religionsgemeinschaften wie Sand am Meer.

Hatte Jesus den Menschen nicht aufgetragen, sie sollten eine Herde sein unter einem Hirten? Hatte er nicht zu Petrus gesagt, „Weide meine Lämmer?“ - Ignatius geht die Sache so an, wie er es gelernt hat: militärisch, mit straffster Disziplin. Auf die zu bestehenden Kämpfe bereitet er sich durch ein gründliches Studium an den besten Universitäten vor. Er sammelt eine durch und durch entschlossene Truppe um sich. Er boxt sich durch, die „alte“ Kirche will ihn nicht, er wandert mehrfach in Gefängnisse der Inquisition, hätte leicht auf dem Scheiterhaufen enden können. Letztlich versteht der Papst: hier will sich einer ernsthaft für die eine heilige, katholische und apostolische Kirche schlagen. Dieser Ignatius und seine Gesellschaft Jesu glauben an die Einheit der Christen.

In den folgenden Jahren und Jahrhunderten sind die Jesuiten die Kaderschmiede des Katholizismus (zu deutsch, man muss es sich hin und wieder wörtlich übersetzen: der die Einheit erstrebende Teil der Kirche). Ihr scharfer, asketischer Intellektualismus durchdringt und transformiert den verrotteten römischen Lotterbau, bringt ihn wieder auf Vordermann – unwahrscheinlich, dass es ihn ohne Ignatius heute noch gäbe.

Der Weg, der Preis, die Mittel ? - „Geistige Bewegungen können nur mit geistigen Mitteln aufgehalten werden.“ sagt Ignatius, und setzt der protestantischen Freiheit eines Christenmenschen bewusst Gehorsam entgegen. „Ich glaube, dass das Weiße, das ich sehe, schwarz ist, wenn die Hierarchische Kirche es so definiert.“ - Klar, so ein Satz könnte von Stalin stammen, der hielt auch nichts von viel Gequatsche und Basisdemokratie. Wie weit darf man gehen, um ein Ziel zu erreichen ?

Natürlich weiß jeder Vereinserfahrene: ohne Satzung, Tagesordnung und gelegentlich ein Ausschlussverfahren läuft das nicht, ob Schrebergärten oder Weltrettung ist da völlig Wurst.

Vielleicht ist Ignatius einfach ein toller Patron für alle Parteigänger und Vereinsmeier in diesen unvermeidlichen, schrecklichen Momenten, wo der „Weg“ davor steht, das „Ziel“ zu vernichten – so was kennt ja jeder, oder ?

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Juni 2012

Heiliger des Monats Juni 2012: Apostel Petrus

Festtag: 29. Juni

Schutzpatron von Rom, Berlin und Trier, der Schlosser und Fischer, der reuigen Sünder, aller Wettererscheinungen, der Päpste und der Kirche – und dieses tapferen Bloggers.

Im 1875 erschienenen vierten Band von Stadlers „Vollständigem Heiligen=Lexikon“ heißt es über Petrus: „Ohne alle gelehrte Bildung, aber von Natur aus frisch und feurig, und wie sein Bruder Andreas für alle religiösen Eindrücke empfänglich, hörte er in der Wüste die Predigten des hl. Johannes des Täufers und ließ sich unter seine Jünger aufnehmen.“

Oh je, das muss man zu Ende denken. Ein junger Mann, der sich zusammen mit seiner Frau, seinem Bruder und seinen Freunden eigene Gedanken darüber macht, warum wir Menschen so sind, wie wir sind. Dem die Antworten und die Repräsentanten der Amtskirche lächerlich, verkalkt und vorgestrig, ja bösartig erscheinen. Der weiteren, ermüdenden Diskussionen mit den denkfaulen, tranigen Mitgläubigen seiner Ortsgemeinde nichts mehr abgewinnen kann, sich statt dessen zu Johannes begibt, dem König der Punks, der frech wie Rotz den Kirchenoberen sagt, was sie sind: nichts als eingebildete, aufgeblasene Fatzkes, die auf Fassade stehen, aber hinter der Fassade finden sich nur stinkende, faulende Gräber: ja „Schlangenbrut“ nennt er die selbsternannten „Frommen“, tödliche Nester der Lieblosigkeit, Hindernisse auf dem Weg zum Guten.

„Von Natur aus frisch und feurig“, begeistert er sich von Anfang an für diesen atemberaubenden Propheten Jesus, zu dem Johannes ihn schickt. Der noch krasser, noch klarer sagt, was zählt in eines Menschen Leben, und was nicht. Er verfällt Jesus mit Haut und Haaren, hängt an seinen Lippen, behütet ihn mit dem ihm eigenen praktischen Sinn des harten, ländlichen Gang-Leaders wie ein älterer Bruder seinen gedichteschreibenden, feinsinnigen, aus der Art geschlagenen jüngeren Bruder beschützt, der halt einfach zu gut ist für diese Welt. Als dieser geliebte Spinner dann zum ersten Mal vor anderen Leuten davon spricht, dass er bald sterben müsse, zieht ihn Petrus raus aus der Runde und verbietet ihm nachdrücklich, so einen Quatsch zu erzählen, was soll der Unsinn, jetzt langt’s aber, warum machen wir uns die ganze Mühe mit Dir. - Heute würde er den Kleinen ungefragt zur Therapie anmelden: was zu weit geht, geht zu weit. - Jesus schimpft und wird frech, na soll er nur, der fängt sich schon wieder.

Als die Dinge aus dem Ruder laufen, ist es Petrus, der sich bewaffnet, der das Schwert auch zieht, der Blut fließen lässt, der das ganze Lumpenpack gern erschlagen hätte – aber das Weichei will nicht, gibt nach, lässt sich umbringen, mein Gott.

Dieser frische und feurige Petrus wird mit seinem Organisationstalent der Begründer der neuen Kirche des Jesus, ist nach den wilden Osterereignissen und der alles verändernden Geist-Verleihung an Pfingsten komplett unstoppable, er packt den Wolf an den Ohren, wirkt mitten in Rom im Herzen der Finsternis, wird dort unter dem irren Diktator Nero ermordet, aber seine Schülerinnen und Schüler machen weiter.

Und da, auf dem Grab dieses begeisterten Menschen, der die gegen alle Konventionen gerichtete Flower-Power-Liebes-Message des einfach wunderbaren Jesus nach Europa gebracht hat, thront nun Benedikt der Soundsovielte, eingeklemmt von Millionen von Büchern, Tonnen von Marmor, Zentnern von Gold, Heerscharen von verdrehten Professoren und unzählbaren, kosmischen Mengen von lieblosen, sinnentleerten Geboten - mehr, als je ein regelwütiger Pharisäer in der Lage gewesen wäre zu erfinden.

Wie sagte Jesus zu Petrus in den guten Zeiten: „Geh und weide meine Lämmer.“ - Da sähen wir ihn gern, den Benedikt, den 265. Nachfolger des heißblütigen Petrus, wandelnd auf einer duftenden Sommerwiese unter dem blauen Himmel Latiums, seine Schäflein weidend, mit viel Zeit nachzudenken und lockerer zu werden, so viel viel lockerer. Und abends könnte er dann mit seiner zärtlichen Benedikta traulich bei einem Gläschen Wein in der Schäferhütte sitzen - Petrus war ja auch verheiratet und glücklicher Vater, „habemus papam“ heißt das, gelle ? 

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Mai 2012

Heiliger des Monats Mai 2012: Athanasius von Alexandria

Festtag: 02. Mai

Patron und Helfer der Menschen, die unter Kopfschmerzen leiden (Denken kann anstrengend sein)

Athanasius ist ab 328 nach Christus fast ein halbes Jahrhundert lang Erzbischof und Patriarch von Alexandrien in Ägypten, davon insgesamt 17 Jahre auf der Flucht und im Exil. Alexandrien, nach dem Niedergang Athens die intellektuelle Hauptstadt der Antike, an deren Unis die Kugelgestalt der Erde und die Unbeweglichkeit der Sonne im Zentrum der um sie kreisenden Planeten gelehrt wird. Dessen Ingenieure sich selbst öffnende, automatische Türen bauen und die Dampfmaschine auf dem Papier entwerfen, ja durch raffinierte optische Spiegelapparaturen den heidnischen Tempeln spektakulär-kinomäßige Götterauftritte „hinzaubern“.

Dieses Metropolis der Antike, dieser kochende Melting Pot, wo Chinesen und Südafrikaner auf Norweger und Araber treffen, wo Ideen, Waren, Menschen gehandelt werden, deren berüchtigte „mean streets“ die Londoner Unruhen von 2011 zum Waldorf-Kindergarten-Ausflug deklassieren. Pogrome, Rassen- und Religionskrawalle mit tausenden von Toten, Aufstände der Verlierer der Globalisierung gegen die Superreichen, eine extrem gereizte politische Stimmung. Über den Hafen dieser Stadt erhält das fette Rom seinen Weizen: die Kaiser fürchten diese Stadt wie keine zweite, schon ihren Ahn Caesar hat sie fast das Leben gekostet, sein Gegener Antonius stürzt sich hier ins Schwert.

Diesem Hexenkessel steht Athanasius kirchlich vor, und kann sich nicht einen Tag seines Lebens sicher sein. Schon als Sekretär des vorigen Erzbischofs hat er energisch gegen die Arianer gekämpft, hat er dieser überwältigend erfolgreichen Sekte keinen Zentimeter Boden preisgegeben. Aber sein Posten scheint verloren, selbst die Kaiser neigen der Irrlehre zu, er wird vertrieben und herumgeschubst sein Leben lang.

Kern und Angelpunkt des Arianismus ist eine klare Botschaft: Jesus Christus war nicht Gott gleich. Irgendwie ähnlich schon, man verliert sich da in Spitzfindigkeiten, aber halt nicht gleich. Die schwer vermittelbare, wirklich revolutionäre Botschaft des Neuen Testamentes, dass Gott selbst Mensch wurde, dass Gott selbst sich klein machte, ein hilfloses Baby in Windeln, am Schluss gequält und gekreuzigt, dann aus eigener Machtvollkommenheit wieder auferstanden, das kreatürliche „Fressen und Gefressenwerden“, den Tod, besiegend, hautnah an uns Menschen dran – wird umfrisiert in eine Lehre, die einen entfernten Gott kennt, der weit weg von den Menschen ist, dann einen Gesandten schickt, na ja.

Der Arianismus gefällt besonders den Eliten: denn nur wenn Gott selbst sich klein macht, muss man sich auch selber klein machen wollen, nur wenn Gott selbst sich hingab, muss man zum Opfer bereit sein. Wenn Jesus dagegen nur ein Gesandter war, lässt sich ungestörter regieren, aussaugen, unterdrücken – ja, man kann sich als Kaiser dann leicht selber zum Gesandten stilisieren, zum gerade aktuellen Vertreter des den Menschen unerreichbaren Gottes. Die Kaiser lieben diese Idee, die germanischen Haudraufheerführer nicht weniger: dieser ganze erzlästige demutsvolle Fußwaschungskram kommt in die Mottenkiste. - Das Christentum ist in Gefahr, innerhalb von wenigen Jahren im Sumpf des spätantiken Religionsbreis zu versinken, zu gut für diese Welt, und ab dafür.

In Konstantinopel und Rom ist man zu nah an den Herrschern dran, die größte Last des Widerstands liegt auf den Schultern des Athanasius. Schon kurz nach seinem Amtsantritt steht die Situation auf Messers Schneide, vielen scheint die Sache entschieden. Athanasius setzt sein Leben, die Kirche, einfach alles auf eine Karte, seine letzte Karte, genauer gesagt: auf einen Old-School-Punk.

Tief in der Wüste südlich Alexandriens lebt Antonius, fast 80, 105 soll er werden, verehrt wie kein anderer Mensch, der legendenumwobene Vater der Mönche, voll schwarzen Humors und struppigen Haars, niemanden fürchtend, einem Kaiser auf dessen Befehl zur Reise nach Konstantinopel hin antwortend, „nein, keine Chance, ein Mönch gehört der Wildnis, nicht der Stadt, ich bleibe, wo ich bin“, diesen Antonius besucht Athanasius in seiner Einöde, seiner totalen Armut, seiner Hingabe an den Herrn. Er schildert ihm den verzweifelten Ernst der Lage, die beiden beten tagelang zusammen, und das Wunder geschieht: Antonius verlässt die Wüste und folgt Athanasius für eine Zeit in den Sündenpfuhl. Dieser Coup überwältigt die begeisterungsfähigen Alexandrier, die Stimmung kippt, alles glüht für Athanasius. Wenn Antonius, der lebende Heilige, für ihn ist, dann sind sie es auch. Die nächsten Jahrzehnte kann sich ihr Erzbischof auf seine Schäflein verlassen, durch dick und dünn stehen sie zur Orthodoxie, zum schwierigen, fordernden, rechten Glauben.

Athanasius, uns Heutigen ein vergessener Name vergangener Tage, wird später mit dem Ehrentitel „Säule der Kirche“ benannt. Tatsächlich sind es nur eine Handvoll Menschen, die das Steuer herumreißen, die den Bau vor dem Einsturz bewahren, vor der Entsorgung auf der riesigen Müllhalde der spätantiken Beliebigkeit, den Glauben retten vorm endlosen, fruchtlosen esoterischen Spintisieren.

Die neuere Geschichtsschreibung hört so etwas nicht gerne. Soziale Entwicklungen sind am Werk, ökonomische Strömungen, Klassengegensätze. - Aber, Geschichte ist Geschichte von Menschen, Geschichte wird gemacht, jeden Tag, von uns.

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April 2012

Heiliger des Monats April 2012: Georg

Fest: 23. April

Schutzpatron: der Soldaten und unzähliger Berufe, Nationalheiliger Englands, Byzanz, Äthiopiens, Georgiens, Serbiens, Griechenlands, Aragoniens und Kataloniens

Die Geschichte des heiligen Georg ist von Legenden durchdrungen und überwuchert wie mancher Maya-Tempel vom Dschungel. Im Kern ist er ein Retter, der strahlende Ritter auf dem weißen Ross, eine Lichtgestalt.

Ein böser Drache belagert eine Stadt, verseucht umher alles mit seinem Pesthauch. Täglich opfert man ihm Schafe, als es keine mehr gibt, Menschen. Irgendwann trifft das Los auch die junge schöne Königstochter Margarete. Sie geht hinaus zu dem Untier, aber rechtzeitig erscheint Georg, besiegt den Drachen, bekehrt die Stadt zum Christentum und reitet einsam fort in den Sonnenuntergang, wie sich das für Westernhelden so gehört.

Eine archetypische Situation: im Angesicht des Bösen sind die Menschen feige. Nacheinander lassen sie sich abschlachten, statt gemeinsam aufzustehen und sich zu wehren. Es braucht das Erscheinen des „Leitwolfs“, um ihren Kleinmut in neue Lebenskraft zu verwandeln.

In dem Western „High Noon“ des Regisseurs Fred Zinnemann, der als emigrierter österreichischer Jude seine eigenen Ideen zum Thema hatte, flieht der Held vor den anrückenden Bösen auf Anraten seiner Frau zunächst – um dann kehrt zu machen und „zu tun, was ein Mann eben tun muss“.

Es gibt Heilige, die das Opfer leben – wie Pater Maximilian Kolbe, der sein Leben für das eines anderen gibt - und Jesus selbst, der im Moment der Festnahme zu seinem schon dreinhauenden Bodyguard sagt: „Steck das Schwert zurück. Wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert sterben.“

Und natürlich ist das alles wahr. Gewalt erzeugt Gegengewalt, wo gehobelt wird, fallen Späne. Wenn heutzutage unsere amerikanischen Waffenbrüder einen Drachen töten, färbt das Blut der „Kollateralschäden“ die Flüsse rot.

Es gibt keine blütenweiße, saubere Antwort. Haudraufs wie der heilige Georg haben die Welt von so einigen Bestien befreit – zum Vorteil der Stillen im Lande. Wer nichts macht, macht auch nichts verkehrt. Ich persönlich glaube nicht, dass Gott dem Georg Elser Vorhaltungen gemacht hat, weil er auf den Spuren seines Namenspatrons versuchte, den bösen Drachen Hitler in die Luft zu sprengen – und durch unglückliche Umstände stattdessen Unschuldige erwischte. Achselzucken wird ER, der Chef, und john-wayne-mäßig sagen: „Irgendwann stirbt jeder – was zählt ist, als was.“

Der heilige Georg wurde schließlich geköpft.

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März 2012

Heiliger des Monats März 2012: Gregor von Nyssa

Fest: 9. März

Dieser junge Mann hat seinen eigenen Kopf. Die Familie lebt im Osten des römischen Reichs, in Kleinasien, der heutigen Türkei, ist ausnehmend fromm, stellt allein in Gregors Zeit gleich mehrere Heilige. Gregor setzt durch, eine gediegene heidnische Ausbildung zu erhalten, wird unter Protest aller Verwandten Lehrer der Rhetorik, und zur Krönung heiratet er dann auch noch. Teenager allein unter Heiligen, wie krass ist das?

Natürlich kriegen sie ihn schließlich doch. Er wird Priester (verheiratet, wie er ist, immer schön locker bleiben) und mit 41 Bischof der Stadt Nyssa - was all seine Freunde und Brüder schon zu sein scheinen, nämlich Bischof, jede Stadt hatte damals einen eigenen, der Job war nicht so kurios wie heute.

Gregor hält wacker zum rechten Glauben, der Ketzerei des Arianismus gibt er auch dann keinen Fußbreit nach, als eine selbst arianische Obrigkeit Druck macht. Seine umfassende Bildung sorgt dafür, dass seinen Büchern Beachtung und Respekt gezollt wird – im Nachhinein zählt man ihn mit Gregor von Nazianz und Basilius dem Großem zu den „drei kappadozischen Vätern“. Er stirbt, mit dem Titel „Metropolit“ geehrt und nachdem er noch nach Palästina gewallfahrtet ist, im damals hohen Alter von knapp 70 Jahren.

Schön schön das alles, aber auch lange her. Bei Gregor von Nyssa ist nicht spannend, wie er lebte, sehr wohl aber, was er lehrte.

Gregor ist einer der wenigen Denker in der ganzen Kirchengeschichte, der sich traut, das heiße Eisen der Apokatastasis anzufassen. Das vielsilbige griechische Wort heißt übersetzt „Wiederherstellung“, und gemeint ist die Wiederherstellung der gesamten Schöpfung am Ende aller Zeiten. Gregor lehrt, dass dann, eines fernen Tages, in Gott alles wieder heil wird. Alles geht am Anfang aus Gott hervor, alles kehrt am Ende zu Gott zurück, und fertig ist die Laube.

Hört sich für den Laien logisch und nicht weiter spektakulär an – aber dem gewieften Fundamentaltheologen fehlt da was: das ewige Feuer, die Hölle! Hat sich Jesus nicht selber mehrfach deutlich zum Thema geäußert? Gott ist die Liebe, aber Gott ist auch die Gerechtigkeit: und jeder kriegt was er verdient, am Tag der Ernte wird das Unkraut aussortiert und verbrannt, zack basta. Oh die schöne Hölle, die lassen sich die Sauertöpfe und Selbstgerechten, die Normübererfüller und Helden der Arbeit im Weinberg des Herrn nicht nehmen – mit einem Wort, die Pharisäer, die ja hier auf Erden schon wissen, dass sie in den Himmel kommen werden, die haben ihre Karten wohl aus dem Vorverkauf.

Gregor steht mit seinen Gedanken in der Nachfolge des großen Theologen Origines, der hauptsächlich wegen der unaussprechlichen Apokatastasis nach seinem Tod in den Bann getan wurde, was auch ein Verbot seiner Bücher nach sich zog. Gregor glaubt einfach nicht an einen ziellos strafenden Gott, einen ohne sinnvolles Ende strafenden Gott. Gregor lehrt, dass auch die Hölle mit all ihren Schrecken letztlich der Läuterung, der Klärung dienen müsse. Alle Seelen kommen von Gott, sind von Gott gewollt – und freier Wille zum Guten oder Bösen hin oder her, zu guter letzt kommt alles von Gott und will zu Gott zurück. Die Hölle ist schmerzlich und langwährend, aber nicht ewig. Ewig ist nicht einmal der Widersacher, der gefallene Engel. Ewig, das heißt außer, vor und nach aller Zeit ist nur Gott, und ganz allein Gott. „Wer ist wie Gott?“ ruft Michael dem Ex-Kollegen Lucifer hinterher. Eben. Keiner.

Origines Bücher wurden verbrannt, Gregor wurde nur gelegentlich getadelt. Die Masse der Theologen drückt sich seitdem um eine Antwort. Dabei ist die Sache nicht so theoretisch und abgefahren, wie es zunächst den Anschein haben mag. Betrachtet man die Hölle mit Gregor als eine Antwort auf das tatsächlich geschehene Böse, also als eine Folge des freien Willens der Menschen, die aber letztlich zeitlich begrenzt ist, so betont man die Liebe Gottes, neben der zum guten Schluss kein anderes Prinzip bestehen kann.

Vertritt man dagegen die offizielle Lesart der nicht endenden Hölle, etabliert man „in alle Ewigkeit“ neben dem liebenden Gott eine zweite, dunkle Welt – so eine Art Katholen-Guantanamo.

 „Roma locuta, causa finita“ – Rom hat gesprochen, die Sache ist erledigt, das genügt den meisten. Trotzdem schön, in Gregor einen Patron der Querdenker zu haben – denn ohne Querdenker, die auch mal einfach rechts am Stau vorbeifahren, ginge es ja noch langsamer vorwärts.

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Februar 2012

Heiliger des Monats Februar 2012: Paul Miki

Fest: 6. Februar

Einer der Schutzpatrone Japans

Als am 09. August 1945 um 11:02 Uhr über der japanischen Stadt Nagasaki eine amerikanische Atombombe explodiert, ist das Hauptziel eigentlich ein Rüstungsbetrieb der Firma Mitsubishi. Tatsächlich liegt im Zentrum der alles tötenden, alles zerstörenden Explosion eine der wenigen katholischen Kirchen Japans, erst 20 Jahre zuvor fertiggestellt. Zwei Botschaften des Westens an die Welt, die spirituelle der Liebe unter den Menschen und die politische der Dominanz durch technische Überlegenheit, treffen in der Vernichtung aufeinander.

400 Jahre vor diesem Tag des Schreckens war Japan auf dem besten Weg, ein ganz und gar christlicher Staat zu werden. Nach den Anfängen durch Franz Xaver (siehe Heiliger des Monats Dezember 2011) hatten sich Jesuiten und Franziskaner sehr bemüht und die Message der Liebe, des Ausgleichs, der Gemeinschaft der Gotteskinder gefiel im Land der aufgehenden Sonne so ganz und gar, dass die Missionare mit der gewünschten Unterrichtung kaum hinterherkamen. Ganze Gegenden im Süden Japans wenden sich dem Christentum zu, von den einfachen Bauern bis hin zu den herrschenden Schichten. Gepredigt wird in der Landessprache, japanische Sitten werden integriert, einige Jahrzehnte geht das so erstaunlich friedlich.

Zwei Botschaften des Westens an die Welt – die eine will man schon, die andere jedoch nicht. Die autokratischen Militärmachthaber Japans schauen irritiert auf die südlich benachbarten Philippinen. Auch dort breitet sich das Christentum mit überwältigendem Tempo aus – aber zugleich werden diese Inseln mehr und mehr zu spanischen Kolonien. Diese Entwicklung läuft dabei weniger als Eroberung ab, die Spanier integrieren die alten Eliten in ihr System – und die Wirtschaft kommt dabei mächtig in Schwung. Importe quer über den Pazifik aus dem ebenfalls spanisch beeinflussten Mexiko, Handel mit China und ganz Südostasien, Exporte in alle Welt.

Die Bürger Japans wollen genau das auch: Christentum und mehr Wohlstand für alle durch Globalisierung. Bis hier hin ein Märchen, fast schon zu schön. Die Realität holt uns ein. Angst vor zu großem Einfluss fremder Mächte, Neid auf den neuen Reichtum der christlichen Provinzen, die Möglichkeiten purer Gewalt: der Shogun, Japans Herrscher, beschließt die Ermordung der führenden Köpfe der christlichen Gemeinden, die Ausweisung aller Ausländer, die Unterdrückung der daraufhin teils aufständischen südlichen Provinzen. Wie in den schlimmsten Zeiten des römischen Reiches ist das Christsein unter Todesstrafe verboten. In den nächsten Jahrzehnten sterben zehntausende, ein kleiner Rest (die „verborgenen Christen“) bleibt durch die Jahrhunderte beim Glauben, offenbart sich erst in freieren Zeiten.

Paul Miki, unser Heiliger des Monats, ist nur einer von vielen Märtyrern. Sein Vater, ein in Japan bekannter Kriegsheld, ist unter den ersten Getauften, sein Sohn wächst schon als Christ auf, wird Jesuit und erfolgreicher Prediger. Nach der Verhaftung treibt man ihn und zwei Dutzend andere japanische und fremde Christen unter ständigen Quälereien in bitterer Kälte von Kyoto über 900 Kilometer barfuß nach Nagasaki, der Hochburg des christlichen Japan. Dort werden sie alle am 05. Februar 1597 um 10 Uhr morgens öffentlich gekreuzigt. Trotz Ausgangssperre an diesem Tag kommen 4.000 Menschen, um mit den Märtyrern zu beten.

In der Folge isoliert sich das Land komplett, igelt sich ein, hegt und pflegt einen völlig überspannten Nationalismus (man hat ja keinen Vergleich), der im 20. Jahrhundert schließlich die Grundlage für eine Herrenmenschen-Ideologie bildet, die ganz Ostasien unter die Fuchtel zu zwingen versucht, nur in Hitler einen Verbündeten findet – und, siehe den Anfang des Artikels, katastrophal scheitert. Der lange, tödliche Bann gegen alles Christliche wirkt in Japan heute noch nach – in kaum einem Land der Welt gibt es so wenige Christen, wohl nur 1% der Bevölkerung. Gern wird heute ja „regional“ als positives Gegenbild zur bösen Globalisierung verstanden – und natürlich ist es wahr, dass das Zusammenwachsen der Welt Stress macht. Aber genau dieses Einswerden unseres blauen Planeten ist der Traum für unsere Zukunft, nicht dumpfbackig-engstirniges Hinter-dem-Ofen-hocken, schon gar nicht sich abschottender Nationalismus.

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Januar 2012

Heilige des Monats Januar 2012: Paula von Rom

Fest: 26. Januar

Im 4. Jahrhundert, das Christentum war gerade verwirrend schnell aus Schmuddelecke des Untergrunds zur Staatsreligion aufgestiegen, machte sich der sprachbegabte Christ Hieronymus an eine einheitliche, im ganzen römischen Reich allen verständliche Ausgabe der Bibel.    Er mußte dafür die vorhandenen lateinischen Übersetzungen auftreiben und miteinander vergleichen, sowie an Hand des griechischen bzw. hebräischen Originals eine neue, korrekte, gut benutzbare und in der Sprache klare Übersetzung herstellen. Dieses Unternehmen brauchte lange Jahre und viel Mühe, führte aber zum Erfolg: als „die Allgemeine“ (lateinisch „Vulgata“) wurde seine Übersetzung zum Bestseller und verdrängte die fehlerhaften älteren Versuche.

Insbesondere für diesen sehr verdienstvollen Geniestreich wurde Hieronymus durch die Jahrhunderte verehrt, er gilt bis heute mit Ambrosius von Mailand, Augustinus und Papst Gregor als einer der 4 lateinischen Kirchenväter, Stützen des ganzen Kirchengebäudes.

So steht das in den Geschichtsbüchern, so stimmt das auch, und keiner fragt sich, was fehlt. Wenn ich mir heute eine ebenfalls löbliche Aufgabe vornähme, z.B. die Geschichte meines kleinen Eifeldorfes mal so richtig gründlich aus den Urkunden heraus hieb- und stichfest darzustellen, wäre dieser Traum am anderen Morgen schon wieder ausgeträumt - wenn der Wecker geht, einen ins Büro ruft, Geld verdienen, schnöde Realität. Aber halt – höre ich da „Geld“? – Oh yeah, it´s money, that matters, aufgewacht Kinder, ohne Moos war auch früher nix los. Wir nähern uns der Sache mit großen Schritten.

Die Eltern einer jungen römischen Dame namens Paula stammten aus den Familien der Cornelier und Gracchen, ihr Mann war ein Julier. Die ganze Blase ist reich wie der Scheich, denen kommt seit einem halben Jahrtausend das Geld nur so aus den Ohren. Mit 22 Jahren ist Paula dann bereits Witwe und Mutter mehrerer Kinder, der Tod ist halt allgegenwärtig. Kein Problem, da kuckt man sich den nächsten Goldfasan aus und lässt es weiter krachen, in Rom gehen die Lichter nicht aus, the show must go on. Das machen die anderen Reichen so, ob Christenbub oder Heidenmädchen, warum nicht auch Paulinchen. Aber in der jungen christlichen Witwe arbeitet es, sie will sinnvoll wirken. Natürlich Breitspur, Adel verpflichtet.

Nachdem Sie eine Zeitlang die Armen Roms hartnäckig betüddelt hat (was andere ihr Leben lang machen, in Rom werden die Bettler nicht alle), lernt die mittlerweile dezent gelangweilte Paula den flotten Hieronymus kennen, der ihr erstens von seinem Bomben-Projekt „Standard-Bibel“ vorschwärmt und der zweitens unbestrittener Superstar aller frommen Damenkränzchen der Hauptstadt ist. Paula sieht sofort und glasklar das Team des Jahrhunderts vor ihrem inneren Auge: Hieronymus, der hat Ziele und Köpfchen, und sie, sie hat die Kohle.

So geht das dann: als Hieronymus ins Heilige Land zieht und in der Nähe von Bethlehem seine Denkerstirn kräuselt, wäre ihm das Denken vermutlich schnell wieder vergangen, denn „voller Bauch studiert nicht gern“, aber leerer noch viel weniger – wenn er nicht seine allesvermögende Sponsorin gehabt hätte. Paula schnappt sich eine ihrer Töchter (und ein bisschen Dienerschaft), gibt den Rest in der Kita ab und dampft nach Palästina. Sie lässt für Hieronymus und seinen Clan ein Männer- und ein Frauenkloster bauen, finanziert alles und jeden 20 Jahre lang, und wird nach ihrem Tod am 26. Januar 404 von Bischöfen in die Kirche zur Totenmesse getragen.

Ehrlicherweise sollte auf jeder der zigtausend Hieronymus-Statuen der Kirchen und Museen dieser Welt stehen „Hieronymus, gesponsert von Paula“, und auf jeder Ausgabe der Vulgata „Paula-Ausgabe, übersetzt von Hieronymus“ – man sollte überhaupt mehr über Geld reden, das fördert den Durchblick und klare Verhältnisse.

Bertold Brecht schildert in seinem Gedicht „Die Legende von der Entstehung des Buches Tao Te King auf dem Weg des Laotse in die Emigration“, wie ein Zollbeamter den des Landes verwiesenen Weisen Laotse eine Woche lang samt Diener durchfüttert, bis dieser seine Weisheit niedergeschrieben hat und schließt:

„Aber rühmen wir nicht nur den Weisen
Dessen Name auf dem Buche prangt!
Denn man muss dem Weisen seine Weisheit erst entreißen.
Drum sei der Zöllner auch bedankt
Er hat sie ihm abverlangt.“
 

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Dezember 2011

Heiliger des Monats Dezember 2011: Franz Xavier

Fest: 3. Dezember

Patron Indiens, der Seefahrer und der Missionare

Wenn jemand alle „normalen“ Lebensziele wie Wein, Weib und Gesang, Kinder, Haus, Geld und bequemes Leben sausen lässt, sehen wir als Otto Normalverbraucher darin frustrierende Selbstverleugnung und würden uns das nicht freiwillig antun. Diese Einschätzung teilte mit uns der studierte und wohlhabende spanische Adlige Franz Xavier bis zu seinem 28. Lebensjahr uneingeschränkt und handelte auch danach. Bis ihn sein ebenfalls Franz benamster Freund aus Loyola, der spätere Gründer des Jesuitenordens, mit gescheiter geistlicher Lektüre in den Sommerurlaub schickte: und zurück kam ein neuer Mensch, ein Heiliger. So schnell geht das manchmal, wenn sich jemand frei macht, ein Ballon ohne Ballast steigt hoch.

Genau so war es Jahre vorher auch dem Heißsporn aus Loyola selbst ergangen, dem tollkühnen, todesverliebten Offizier. In einer Schlacht, in der alle Vernünftigen schon aufgeben wollten, ganz unnötig noch schwer verwundet, las er gelangweilt im Krankenbett Heiligenlegenden (weil nichts anderes da war) – und verstand: was ist der Kampf gegen warmduschende weicheirige französische Söldner im Vergleich zum Kampf gegen den Teufel selbst ? Ein Quatsch, ein Firlefanz, ein glattes Nichts !! Viel Feind, viel Ehr !!!

Franz von Loyola und seine Handvoll feuriger Mitstreitern gründen die „Gesellschaft Jesu“, den Jesuitenorden – und so ist das auch gemeint. Dieser junge Mann aus Palästina, der hatte doch gewollt, dass die Christen die Welt umkrempeln, Licht ins Dunkel bringen, die Herrschaft des Geldes brechen, den Aberglauben wegfegen (der die Menschen in so schrecklich enge Wege zwingt), die Liebe sonnenhell strahlen lassen und die Liebe zur Herrschaft bringen, ALL YOU NEED IS LOVE, brother, LET IT INTO YOUR HEART, sister !!!

Also rein ins Getümmel, wo es am dickesten ist: aus den neuen Kolonien in Afrika, Indien und weiter hinaus hört man nichts Gutes, da regieren Gewalt und Gier, da will Franz Xavier hin. Der Papst sieht das ähnlich und gibt ihm einen Titel und Briefe in die Hand.

Und was macht unser Franz Xavier jetzt ? Spielt er auf dem Schiff den dicken Prälaten der 7 Weltmeere ? Schlägt er mit seinen Vollmachten in Indien als Mini-Papst auf ? Der sich von den unterdrückten Indern in der Sänfte schaukeln und von den Kolonialbeamten bestechen lässt ?

Entgegen all den liebevoll gepflegten Vorurteilen zum Thema Kirche und Kolonisierung geht er die Sache ganz jesusmäßig an. Schon in Lissabon, wohin er zu Fuß gewandert ist, wohnt er nicht im Palazzo, sondern im Armenkrankenhaus und arbeitet dort auch. Sein Reisegepäck beschränkt sich dann auf die Klamotten am Leib und sein Gebetbuch, einen Diener lehnt er ab. Auf dem Schiff wäscht er sein Zeug selbst, kümmert sich um die einfachen Matrosen und unterrichtet sie unermüdlich, lebt von Almosen der mitreisenden Großkopferten. Glücklich in Indien angelangt, stößt er in der kleinen portugiesischen Kolonie Goa auf völlig haltlose, verrottete Zustände. Ausbeutung und Unterdrückung der Einheimischen sind der Alltag, die Europäer führen ein heilloses Lotterleben, Gemeinsinn ist ein Fremdwort.

Er erlernt mehrere Sprachen der Inder, wirkt unter ihnen und den Portugiesen täglich erfolgreich, sein Vorbild reißt einfach mit. Seine Botschaft der Liebe und der Gleichheit der Menschen aller Rassen und Hautfarben vor Gott begeistert die Menschen, tausende Inder werden Christen, Gesandte aus dem freien Indien bitten ihn hierhin und dorthin. Er bildet einheimische Missionare aus, mit ihm ist eine Apartheid nicht zu machen.

Dem portugiesischen König teilt er mit, Gott habe diesem die neue Welt nicht bloß zur Bereicherung, sondern vielmehr zum Wohle der Menschen und zur Ehre Gottes geschenkt, und wörtlich schreibt er: „Es ist mir, als hörte ich die Stimme Indiens von diesen Erdstrichen gegen den Himmel aufsteigen, klagend, dass von den Schätzen, womit es deine Schatzkammer bereichert, so wenig auf seine dringendsten Bedürfnisse verwendet werde.“ – heute würde er sich mit den Konzernen anlegen, geändert hat sich schließlich nichts.

Franz Xavier macht so weiter, der lässt sich nicht bremsen, Malaysia, Indonesien, 2 Jahre als einer der ersten Europäer in Japan, tausende Briefe mit Klartext Richtung Europa, eine Kerze, die an beiden Enden brennt, er stirbt mit gerade 48 Jahren auf einer Insel vor China.

Ein schönes Vorbild für „wenn, denn“. Kann nicht jeder, traut sich auch nicht jeder – aber halt ein viel viel schöneres Vorbild für ein Leben auf der Überholspur als all diese Pop-Stars, Film-Sternchen und Polit-Clowns, die irgendwann voller Drogen tot im Hotelzimmer, Swimmingpool oder Sportwagen liegen.

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November 2011

Heiliger des Monats November 2011: Martin von Tours

Fest: 11. November

Patron Frankreichs und zahlreicher Berufe, unter anderem der Soldaten, Weber und Schneider, der Bettler und der Gefangenen.

Martins Schicksalstag war nicht der mit dem Bettler. Da war er noch ein Teenager, nur durch Familientradition beim Militär, eigentlich im Geist schon ganz woanders. Mit der Mantelgeschichte machte er sich bei seinen Kameraden gründlich lächerlich, man verstand jetzt, der gehört nicht zu uns, Martin bekam kurz darauf seinen Abschied.

Der Tag, an dem sich vieles entscheidet, findet Martin in Trier. Obwohl ihn das Volk 14 Jahre zuvor zum Bischof von Tours gemacht hat, lebt er jetzt mit 54 Jahren noch genau so radikal arm wie immer seit dem er den Mantel teilte. Martin ist ein Menschenkenner, er weiß um die Macht des Geldes, wie sehr es das Werkzeug des Teufels ist. Keine 10 Pferde bekommen ihn aus seiner Hütte heraus in den Bischofspalast. Während der Messe verweigert er sich dem bischöflichen Thron, sitzt auf einem Holzschemel. Dem bettelnden Wanderprediger aus Galiläa folgt er nach, er meint es ernst. Das Volk verehrt ihn.

Seine Kollegen im Bischofsamt vererben ihre Posten seit Generationen in der Familie – genauer, seit Kaiser Konstantin die Bischöfe in den Rang von hohen Reichs-Beamten erhoben hat. Privilegien, viel Geld, de facto sind sie oft die Bosse ihrer Städte. Martin ist ein Kommunist für sie, sie wollen ihm am Zeug flicken, aber er ist einfach heilig, sie kommen nicht an ihn ran.

Wer noch dringender weg soll, ganz weg, sind die Anhänger und Freunde des Priscillian. Selber Bischof, predigt dieser wie Martin die Abkehr von Pomp und Protz, hält die Hingabe an fleischliche Begierden nicht für den Weg zu gutem Karma, ist Vegetarier, akzeptiert die Frauen in der Kirche als gleichberechtigt – und schreibt und spricht auch darüber, wird den fetten Prälaten gefährlich. Die lieben Mitbrüder im hohen Amt beschließen den Tod Priscillians, treffen sich in Trier mit dem Kaiser, dem sie nachfolgen, ihrem Goldesel.

Martin, der außer Gott niemanden fürchtet, kommt an diesem schrecklichen Tag dazu, redet mit dem Kaiser Tacheles, dass dem Hören und Sehen vergeht. Er muss versprechen, höchstens die Bischöfe unter den Freunden Priscillians abzusetzen – hat nicht Jesus selber gesagt, dass Unkraut soll mit dem Kraut aufwachsen, sortiert wird beim letzten Gericht?

Erst nach der Abreise Martins traut sich der Kaiser, den anderen Bischöfen ihren Spaß zu gönnen: der fromme Mitbruder Priscillian wird gefoltert und ermordet, seine Anhänger vor Sondergerichten abgeurteilt, die nebenbei auch das Vermögen der Opfer einziehen – es wird viel verdient und viel viel christliches Blut vergossen.

Martin ist entsetzt. Er wirkt weitere 15 Jahre in seiner Gemeinde, aber nie wieder besucht er auswärts einen Kirchentag, eine Versammlung. Er kann das feiste Pack nicht mehr ab. Er kennt sie jetzt. Es schüttelt ihn. Zum ersten Mal werden Priester von Priestern ermordet, der Böse fährt eine reiche Ernte ein im Garten des Herrn.

Heute tut die Amtskirche so etwas nicht. Weil sie nicht mehr will – oder weil sie nicht mehr kann ? Das sind so Fragen, die auch Bilder von babyknuddelnden Päpsten nicht beantworten. Die Kirche sollte sich ihrer aktuellen weltlichen Machtlosigkeit eigentlich herzlich freuen: das ist ja eine Chance. Fast wie damals. Auf Anfang.

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Oktober 2011

Heiliger des Monats Oktober 2011: Lukas

Fest: 18. Oktober

Patron: der Ärzte und Künstler, insbesondere der Maler und Zeichner

„Lukasgilden“ nannten sich die Vereinigungen der Kunstmaler und Zeichner in vergangenen Jahrhunderten, und bis heute ist er ihr Patron. Anlass für diese besondere Verehrung des Lukas, der ein Evangelium und die Apostelgeschichte verfasste, ist die schöne Legende, Lukas habe Maria selber in Gemälden portraitiert. Tatsächlich schildert Lukas die Gottesmutter in seinem Evangelium ausführlicher und wohlwollender als alle anderen Quellen. Das eindrucksvolle Magnifikat-Lied (siehe „Heiliger des Monats Juli 2011 Mariä Heimsuchung) gibt es sogar nur bei ihm:

„Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter. Denn der Mächtige hat Großes an mir getan.“

Man hat sehr den Eindruck, dass er die Gottesmutter persönlich gekannt und überaus geschätzt hat.

Und die Malerei ? Man weiß eigentlich gar nicht, wann und wie diese Berichte aufkamen, aber schon um 600 nach Christus ist von Marienbildern die Rede, die Lukas angefertigt haben soll. Aus dieser frühen Zeit hat z.B. die Ikone „Maria Fürsprecherin / Maria Advocata“ überlebt, die in Rom in einem Kloster der Dominikanerinnen verwahrt wird.

Na ja, sagten die Theologen lange Jahre unisono, Lukas als Pinselschwinger, nette Story, aber leider alles Quatsch. Die Jünger sind in Leinensäcken und Schlappen durch den Wüstensand geschlurft bzw. mit so besseren Tretbötchen kreuz und quer über den See Genezareth gepest und waren froh, wenn es abends was zu essen gab. Von Malerei – keine Rede, und natürlich sind auch die Evangelien erst sehr sehr spät geschrieben worden und in den Augen der Oberschlauen sowieso halbe Märchen.

In jüngerer Zeit wird an diesem Bild gekratzt. Man fragt sich, ob solche Vorstellungen nicht eher einem kräftigen mitteleuropäischem Größenwahn als biblischer Realität entsprechen ?

Unsere eigenen Vorfahren, ja die sprangen im Bärenfell den wilden Sauen im Walde hinterher – aber Palästina war als Teil des römischen Reiches doch deutlich komfortabler möbliert. Man nimmt langsam und widerstrebend zur Kenntnis, dass der Grad der Verschriftlichung zur Zeit Jesu umfassend war. Wie heute wurde jeder Blödsinn auf Papier festgehalten, an jeder Ecke kritzelte jemand einen Papyrus voll, Briefe gab es waschkorbweise. Und – die Reden noch des dusseligsten Provinz-Politikers wurden in superschneller Kurzschrift live mitgeschrieben. Warum dann nicht auch die von Jesus, dem Star-Prediger aus Nazareth, dem Straßenfeger, dem wortwörtlich tausende hinterher trabten ? Muss doch keiner meinen, die Evangelisten hätten eine Taube auf der Schulter gebraucht, die Ihnen was ins Ohr flüstert: die gingen wahrscheinlich einfach zum Pressearchiv.

Na denn, mag sein: aber geknipst wurde doch wohl noch nicht ?! – Wie man es nimmt. Im Nachbarland Ägypten, zu dem allerengste Kontakte bestanden, fanden Schatzgräber vor gut 100 Jahren nahe der auch von zehntausenden Juden bewohnten Stadt Alexandria in einer regenlosen Oase unzählige völlig realistisch und modern gemalte Portraits aus der Zeit Jesu, die man Verstorbenen mit ins Mumienpaket gewickelt hatte. Gemalt in einer Enkaustik genannten Wachsfarbentechnik, in der auch alle frühen Ikonen der Kirche gemalt sind.

Wenn es die Tradition hartnäckig überliefert, warum sollte Lukas also nicht so ein Zeichenfex gewesen sein ? Es spricht erst einmal gar nichts dagegen, dass es Gemälde seiner Hand gab (oder immer noch gibt), für die Maria tatsächlich Modell saß.

So ist das mit Legenden: manche sind einfach poetischer als die Wirklichkeit, aber manchmal ist die Wirklichkeit poetisch und trotzdem ganz real. Wir sollten uns der gelegentlichen Wahrheit der Legenden und Märchen nicht vorschnell verschließen: katholisch sein heißt, mit Geheimnissen leben zu können, den Reichtum jenseits der Grenzen des Offensichtlichen öfter mal zuzulassen. Legenden bereichern das Leben, befeuern die Phantasie – und tun der ärmlichen Schulbuchwirklichkeit nicht weh, die auf Wikipedia mittlerweile eh alle 5 Minuten umgeschrieben wird ....

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September 2011

Heiliger des Monats September 2011: Erzengel Michael

Fest: 29. September

Schutzpatron: der Deutschen, der Kirche, vieler Berufe

Am auf Pfingsten folgenden Sonntag gehen die Gottesdienstbesucher der Kirche in Uedelhoven nach der Messe nicht heimwärts, sondern sie marschieren zu einem „Heiligenhäuschen“ auf dem nahen „Hausberg“ des Eifeler Ortes. Dieses Dreifaltigkeitskapellchen ist etwas über 100 Jahre alt, und so könnte man hinter diesem Gang eine Frömmigkeitsübung des 19. Jahrhunderts sehen. Nun findet sich aber im Pfarrarchiv ein Vermerk des Pastors Thomae aus der Zeit um 1700, in der er berichtet, dass ihn seine Schäfchen gezwungen hätten, „die Procession uff den Berg zu halten“, obwohl er alternativ vorgeschlagen hatte, einfach ein paar mal um die Kirche zu laufen ...

Tatsächlich gehen die Uedelhovener seit über 2000 Jahren „uff den Berg“.

In der guten alten Zeit vor Caesar und seinen rabiaten Legionen hießen die Eifeler noch Treverer und kamen prima alleine klar. Der oberste Himmlische hieß Lenus, wurde auf den Bergen verehrt und war sowohl Kriegs- als auch Heilgott.

Die Römer, in Fremdsprachen etwa so stark wie heute unsere amerikanischen Freunde, nannten ihn Mars – und als die hügeligen Wälder zwischen Trier und Aachen christlich wurden, taufte man den geduldigen Lenus auf Erzengel Michael um. Michael-zwei-Fäuste-für-ein-Halleluja-schlag-den-Teufel, Chef der beflügelten Heerscharen, starker Arm des Herrn: passte wie Faust auf Auge.

Und so steht man denn auf dem Uedelhovener Michelsberg, im Rücken den Michelsbach, sieht reihum Bergeshöhe an Bergeshöhe, viele nah und fern heißen Michelsberg, und denkt an diesem heiligen Ort an die unglaubliche Macht der lebenden Überlieferung, diesen niemals abgerissenen Strom mündlicher Tradition – der versiegt, der zu einem Ende kommt. Einen normalen Sonntagsgottesdienst im 3. Jahrtausend besuchen etwa 60 Leute, viele davon nicht aus dem Dorf, Altersdurchschnitt über 70, außer den Meßdienern praktisch keine Kinder oder Jugendliche.

Noch 10 Jahre ? Und die gesammelte Spiritualität eines Ortes ist am Nullpunkt, wegen Reichtum geschlossen, wir sind selber Gott. – „Wer ist wie Gott ?“ rief der Engelsfürst dem Teufel als letztes Wort hinterher, „wer ist wie Gott ?“

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August 2011

Heilige des Monats August 2011: Helena

Fest: 18. August

Patronin der Archäologen und der Schatzsucher, der Stadt Trier, angerufen zur Aufdeckung von Diebstählen und alles Verborgenen

Heilige, die was taugen, sind Radikale, so oder so oder so. Mit dem industriegrau sauertöpfisch-frommen Getue mancher Kirchenkreise / Kirchengreise haben die dann so viel zu tun wie Jesus mit den päpstlichen Samtschlappen, nämlich nüscht.

Helena ist die einem recht schummrigen levantinischen Schankwirt von irgendwem unter dunklen Umständen geborene Tochter. Später führt sie selber eine derbe balkanesische Rummelbude, in der sich die Soldaten der Donaufront “entspannen“. Konni, der wildeste Haudrauf von all den unzählbaren Sandalenheinis wird ihr Dauer-Schatz: und weil er so schön brutal ist und nach 100 Schlachten immer noch lebt bringt er es zum guten Schluss tatsächlich zum römischen Kaiser. Paff pardautz, wer hätte das gedacht ! – Pech nur für Lenchen, denn die muss er nun erst mal in der Besenkammer verstecken und statt dessen eine parfümierte und frisch gebügelte höhere Tochter heiraten.

Konni sitzt in Trier und regiert so vor sich hin aber Helena denkt gar nicht dran, nur in der Eifel spazieren zu gehen und den Wölfen beim Heulen zuzuhören. Sie fuhrwerkt im Hintergrund so lange hin und her, bis die höhere Tochter ins Kabuff kommt und ihr uneheliches Söhnchen Konstantin den römischen Chef abgeben darf. Zähigkeit siegt, man hat der Beispiele mehrere.

Helena, inzwischen Christin geworden, hat viel nachzuholen und tut´s auch: als Queen Mum mit der goldenen Kreditkarte räumt sie im Heiligen Land mit der Brechstange so auf, daß es staubt, läßt Tempel abreißen und Kirchen bauen, findet das Grab Jesu, sein Kreuz, sein letztes Hemd, tonnenweise Souvenirs, es geht richtig rund. Ihr Sprössling, ganz braver Sohn der Matrona Maxima, hat die Christen inzwischen zu ehrlichen Leuten gemacht, die Antike ist vorbei, es geht Vollgas ab ins Mittelalter, Helenas Palast in Trier wird zum Dom umgebaut (und steht immer noch).

Im Nachhinein hat man an Helena viel herumgeflickt „wegen Ihrer Herkunft usw.“, alles Käse. Den Herren Klerikern war die fromme Helene wohl einfach einen Zahn zu steil – aber Jesus stand ja definitiv eher auf die ganze lebensfrohe Prolobande als auf so steifleinene Scheinheilige. – Also denn Prost auf´s Trierer Lenchen mit Riesling aus Riol – und den Deckel holen wir als Heiligenschein !!
 

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Juli 2011

Heiliger des Monats Juli 2011: Mariä Heimsuchung

Fest: 2. Juli

„Mariä Heimsuchung“ – ein altfränkischer, kaum mehr verständlicher Name für diesen Festtag der totalen Frauenpower. Was war da los in Palästina ?

Joseph hat sich mit dem Teenie Maria verbandelt und schwebt im 7. Himmel. - Aber dann: eiskalte Dusche, Tiefschlag, die ist schon schwanger, oh nein, peinlich peinlich peinlich. Das Maria ihm was vom Engel erzählen will, macht die Sache nicht besser (echt nicht). OK, den Macho wird er nicht abgeben, er ist ein cooler Typ. Statt den wilden Mann zu spielen, denkt er über einen diskreten Hinterausgang nach.

Da schwant ihm im Traum, dass das sehr junge Ding an seiner Seite vielleicht wirklich Gott mit ins Spiel gebracht hat. Krass, was tun, Josef ist fromm. Ein „Siebenmonatskind“ gäbe endloses Getratsche, das Mädchen muss aus der Schusslinie. Also packt Maria ihr Rucksäckchen und schwirrt ab, „Tante Lissy besuchen“, nun denn.

Es muss gewaltig gefunkt haben, als die Ladies sich trafen: die alte Dame, wunderbarerweise schwanger mit Johannes dem Täufer, dem Urvater aller Punks, und Girlie Mariechen, schwanger mit seinem und unser aller nicht weniger wildem Chef. Jonnyboy tobt zur Begrüßungs-Umarmung im Bauch, und die beiden Mütter in spe packt der „furor poeticus“ – laut ruft Elisabeth: „Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? Gesegnet bist du unter den Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes.“ – und Maria setzt noch eins drauf und singt auf offener Straße:

„Meine Seele preist die Größe des Herrn,
und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.
Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut.

Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.
Denn der Mächtige hat Großes an mir getan, und sein Name ist heilig.
Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten.

Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten:
Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind.
Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.
Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben
und lässt die Reichen leer ausgehen.

Er nimmt sich seines Knechtes Israel an und denkt an sein Erbarmen,
das er unseren Vätern verheißen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.“

Wow, das nenne ich knackig getextet – für revolutionäre Lyrik von solchem Kaliber kommt man in Dutzenden von Staaten auch heute noch ins Gefängnis. „Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen“ – hört sich anders an als „Gott erhalte Franz den Kaiser !“ (oder Karl den Kaputten oder Ferdinand den Verdrehten oder wie die Jungs alle hießen).

„Magnificat“, wie sich das Liedchen auf Latein nennt, wurde 1.000 mal vertont (hört Euch mal was auf You Tube an), aber Gema-Gebühren kriegt Maria keine, wohin auch überweisen ? Und ist jedenfalls ewig viel besser als alles aus den letzten 20 Jahren Eurovision Song Contest Geschwurbels ! – „Mariä Heimsuchung“: so ist Religion, wenn sie schön ist.

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Juni 2011

Heiliger des Monats: das Fest Fronleichnam

Festtag: abhängig vom Ostertermin zwischen dem 21. Mai und dem 24. Juni

Vielen Menschen ist der Sinn des Festes Fronleichnam heute nicht mehr zugänglich. Am Feiertag selbst registriert man eventuell noch die Folklore, aber der Unterschied zum örtlichen Standard-Schützenvereins-Umzug erschließt sich nicht mehr so ohne weiteres.

Es gibt ältere Feste. Fronleichnam, die altdeutsche Übersetzung von Corpus Christi, wie der Tag in England immer noch heißt, kam erst in der Ritterzeit auf, im 13. Jahrhundert. Zunächst feierte man es in den Ardennen, in Lüttich – und als dann ein Lütticher Erzdiakon Papst wurde, führte er das Fest allgemein ein. Das hätte auch ein Flop werden können, aber es wurde ein ungeheurer, bis heute andauernder Erfolg.

Weltweit ist Fronleichnam der Tag, an dem Katholiken auf die Straße gehen.

Das 13. Jahrhundert sieht eine Blüte der Innerlichkeit, der Mystik, des persönlichen Gebetes, der direkten Begegnung mit Gott. Man ist nun aus dem finstersten Mittelalter heraus, die Städte wachsen und gedeihen, man strebt ganz allgemein zu Höherem – was man sogar der seinerzeit entworfenen Architektur ansieht: Kölner Dom etc.

Wo aber kann man Gott unmittelbarer erleben als im gewandelten Brot? Die Menschen sind ganz begeistert, richtiggehend hin und weg vom Sakrament der Eucharistie. An der ersten Berliner Love Parade nahmen 150 Raver teil, kurz darauf waren es Millionen. So in etwa muss man sich den Erfolg des Festes Fronleichnam vorstellen: nur das hier nicht der eigene Körper vergöttert und mit Drogen „verwöhnt“ wird, sondern Gott kommt hier zu den Menschen, zieht durch Ihre Straßen, kommt in der am Festtag empfangenen Kommunion in ihre Körper.

Eine globale Love Parade mit Reizen für alle Sinne: Musik, Lieder, Weihrauch, Blumen – und ER, die Liebe selbst, im Brot der vom Priester getragenen Hostie.

Wo sich die Geister dann natürlich fein säuberlich scheiden, da hilft Ökumene auch nicht weiter – oder wie ein Protestant einmal formulierte: „Könnte ich an die katholische Abendmahlslehre glauben, käme ich von den Knien nicht mehr hoch.“ Könnte – tscha.

Es ist ein Fest für Katholiken, da beißt keine Maus einen Faden ab – ein schön verrücktes und intensives Fest.
Und wenn´s regnet ? Normal wird gegangen, auch wenn es aus Eimern schüttet – Ihr glaubt doch nicht im Ernst, das Gott naß werden könnte ?

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Mai 2011

Heiliger des Monats: Hermann-Joseph von Steinfeld

Festtag: 21. Mai

Schutzpatron der Uhrmacher, Mechaniker und Obstbauern

„Street Credibility“, am besten schlicht mit Glaubwürdigkeit übersetzt, ist das, wofür nicht wenige Künstler, aber auch so mancher Politiker und Medienstar seine Seele verpfänden würde. Hat man sie, gehen die Leute mit einem durch dick und dünn – hat man sie nicht, bleibt man ein Papiertiger. Glaubwürdigkeit gründet sich darauf, dass man das lebt, was man sagt.

Hermann wurde fast 100 Jahre vor der Grundsteinlegung des jetzigen Kölner Doms um 1150 geboren. Seine Eltern waren verarmte Kölner Bürger, die ihrem begabten Sohn trotzdem den damals noch ganz ungewöhnlichen Schulbesuch ermöglichten. Außerdem lernt er irgendwann das Handwerk des Uhrmachers – diese riesengroßen, handgeschmiedeten Ungetüme von Turmuhren waren damals der letzte Schrei. Er hätte in diesem stark nachgefragten Mode-Beruf ein gutes Auskommen haben können. Statt dessen wird er Mönch, in Steinfeld in der Eifel.

Kein Heiliger ohne Glaubwürdigkeit. Heiligkeit definiert sich geradezu durch diese weitgehende Übereinstimmung von Herz und Leben, von Traum und Wirklichkeit. Was bei den meisten Menschen Gedanke bleibt, wird bei den Heiligen Tat.

Hermann lebt seinen inbrünstigen, tief empfundenen, ihn ganz vereinnahmenden Glauben rückhaltlos, geradezu sinnlich. Der Alltag lässt ihn kalt. Wenn er die Messe liest, lässt er das Geschehen des gewandelten Brotes so unmittelbar auf sich wirken, dass er regelmäßig in Trance fällt. Kaum einer der Mitbrüder mag ihm noch Messdiener sein. Das Heilige ist seinem offenen Herzen so nah wie die Luft, die ihn umgibt. Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.

Als Junge läuft er oft in die Kirche und redet mit Maria und dem Jesuskind wie mit Mutter und Bruder – wie recht er hat. Als er eines Tages im Überschwang seiner Zuneigung dem Jesuskind den wohlverwahrten Frühstücksapfel anbietet, streckt die Figur sich und nimmt den Apfel an – wer hätte auch widerstehen können ?

Wer heute St. Maria im Kapitol besucht, wo dies geschah, der findet fast immer einen Apfel bei der Mutter und dem Kind – ebenso in Steinfeld, am Grabmal des Hermann, den sie schließlich neckend Joseph nannten, weil er mit der Gottesmutter so selbstverständlich auf Du & Du stand.

Schöne Plätze für schöne Gebete – zum Beispiel um die Gnade, unsere allzu gepanzerten Herzen geöffnet zu bekommen: für die Liebe, die tatsächlich alles überwindet.
 

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April 2011

Heilige des Monats: Cantius, Cantianus und Cantianilla

Festtag in Hildesheim: 1. April (Ankunft der Reliquien)

Schutzpatrone der Kinder

In den vergangenen Monaten hat uns interessiert, was mit mehr oder weniger bekannten Heiligen los ist, so lange sie da sind – heute fragen wir uns einmal, was Heilige bewirken, wenn Sie wieder weg sind.

Sind sie denn weg? Nun, keiner geht so ganz. Es bleiben Andenken, vielleicht Bücher, Bekleidung – und Knochen. Noch in den 1980er Jahren durfte mein auf´s Eifler Dorf gezogene Schwager die Erfahrung machen, dass in seinem Ort die männlichen Nachbarn eine Tote unter die Erde zu bringen hatten. Man trifft sich auf dem Kirchhof, buddelt abwechselnd, trinkt eine spendierte Flasche Schnaps und versteckt die Knochen der den älteren bestens erinnerlichen Vorbelegung diskret tief unten im Loch. – Jetzt macht das auch dort ein Unternehmer, aber vorher war das überall so: in der Grüften räumte man Platz für den nächsten der Familie, auf den Kirchhöfen steckte man die regelmäßig auftauchenden Reste in ein „Beinhaus“. Wohlgemerkt, die Knochen von jedermann, ob mit oder ohne Wappen, ob reich oder arm. Der Tod macht gleich – manche macht er allerdings auch gleicher. Denn wenn es einer in den Himmel schafft, wenn eine wirklich dort oben beim Herrn ist – dann doch die Heiligen !

Da war ein Schauder, eine Aura um deren Überbleibsel, die Reliquien. Die Seele dieses Leibes war sicher geborgen beim Herrn, in Abrahams Schoß: aber hatte diese Seele nicht vorher diese Knochen belebt ? Hatten die Knochen nicht der Seele ganz konkret als Wohnung gedient ? Man fühlte sich diesen heiligen Seelen verbunden, man fühlte sich der jenseitigen Welt zum Greifen nah, war man den Reliquien nah.

Aquae Gradatae bei Aquileia in Norditalien, 304 nach Christus. Drei Kinder bzw. Jugendliche und ein Lehrer werden geköpft. Sie hatten Christen bleiben wollen, trotz der letzten und zugleich massakerreichsten Verfolgung durch den Diktator / Kaiser Diokletian. Aus guter Familie, aber verwaist, hatten sie in Rom alles verkauft und den Armen gegeben, wollten mit ihrem Mentor Protus in der Provinz untertauchen. Kurz vor dem Ziel erkannt, blieben sie ihrer Überzeugung, dem hellen Licht ihres Lebens in all der sie umgebenden römischen Barbarei treu.

Andere Opfer sind längst vergessen, ihr Staub verweht. Der Nachruhm der 3 Geschwister gründet sich darauf, dass ein Priester namens Zoelus ihren Leichen (sicher nicht risikolos) ein gemeinsames Grab zu verschaffen wusste. Den dort verwahrten Reliquien erweisen nun Gläubige seit 1706 Jahren Respekt. In Aquileia ruft man sie als Schutzpatrone der Kinder an, in Kranj (Slowenien) steht eine Kirche zu ihren Ehren – und in Hildesheim in Norddeutschland kamen an einem 1. April vor etwa 1000 Jahren einige Reliquien an. Diese Ankunft der unscheinbaren Knochen war den Menschen dort ein solches spirituelles Ereignis, dass Sie diesen Tag der Ankunft seitdem (bis heute) feiern. Ja, noch 1978 (man glaubt es kaum) wurde der neue Hochaltar der Kirche im benachbarten Söhre mit Teilen der Reliquien versehen.

Natürlich kann man darüber spotten, das macht seit Luther alle Welt, moderne Katholiken stehen da mit in der ersten Reihe: kindischer Aberglaube, schlichte Gemüter ! Es wird milde gelächelt. Als Reliquienverächter ist man zweifellos in allerbester, hochintellektueller Gesellschaft.

Wenn man aber gar nicht so oberschlau sein will, und einen dieser Anhauch aus der anderen Welt anrührt ? Wenn man die ausgestreckte Hand aus dem Himmel nicht ausschlagen will ? – Hat der Chef in seiner komischen Art nicht mal gesagt „Werdet wie die Kinder, sonst kriegt ihr nie die Kurve“ ? Und wie sieht sie aus, unsere Erwachsenenwelt ? Na ? Wie sieht sie aus ?

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März 2011

Heilige des Monats März: Gertrud von Nivelles

Festtag: 17. März 659 (Todestag)

Schutzpatronin der Reisenden und Pilger (auch reisender Gesellen) sowie der Gärtner (besonders gegen Mäuseplagen)

Noch dominiert in der Öffentlichkeit der männliche Blick auf die Leben von Frauen. Einfache Nonnen stopft man in die Schublade „verhärmt, weltfremd, im Kloster dahingedämmert“, zu reichen Äbtissinen assoziiert man „von der Familie in den goldenen Käfig abgeschoben, langweiliges und nutzloses Leben hinter hohen Mauern“. – Immer unausgesprochen im Hinterkopf: ein Leben ohne Mann, das kann ja nichts sein.

Im Februar hat uns das arme Mädchen Brigida schon gezeigt, wie viel Frauenpower in Nonnen steckt – jetzt im März werfen wir einen Blick auf die Upperclass.

Gertrud wurde 626 irgendwo im heutigen Belgien in die damalige Hochpolitik hineingeboren. Ihre Familie mischte überall mit – sie selbst ist die Ur-Ur-Großtante Karls des Großen. Mädchen Ihrer Herkunft wurden zwar nicht so billig verschachert wie Brigidas Mutter, aber verschachert wurden sie doch. Die Versuchung war einfach zu groß: ein Fleckchen Land billig zu erheiraten, statt es teuer zu erobern ... so verplante man kleine Mädchen (und die Mütter gleich mit, wenn sie Witwen wurden). Und bist Du nicht willig, so brauch ich Gewalt. Soweit die Macho-Theorie – und leider häufig auch die Praxis.

Aber Frauen sind ja nicht dumm. Als es für Gertrud und ihre Mutter 640 brenzlig wird (der Politikergatte stirbt und Gertrud wird 14, also „mannbar“), ziehen beide in trauter Einigkeit die Reißleine. Mutter und Tochter gründen ein Kloster und werden dessen erste Bewohnerinnen. So behalten Sie ihren Besitz, brauchen sich nicht irgendeinem nach selbigem schielenden Tuppes zu unterwerfen, bleiben Chef im eigenen Haus und können ihren Neigungen nachgehen. Gertrud ist nämlich ein schlaues Kind, sie liest: was damals selbst mancher Priester nicht konnte (der hatte das Allernotwendigste halt auswendig gelernt). Sie baut eine Bücherei auf, lässt sogar Bücher aus dem fernen Rom kommen.

Nach dem Tod der Mutter wird Gertrud mit 26 Jahren Äbtissin des Klosters und wirkt tatkräftig. Sie engagiert sich für den Unterricht ihrer Nonnen (die später auch heiliggesprochene Amelberga ist ihre Schülerin), unterstützt Arme, Witwen, Waisen und Gefangene, baut den mittellosen irischen Wandermönchen, die den einfachen Leuten die neue Botschaft der Liebe bringen, ein kleines Krankenhaus.

Als Gertrud mit 33 Jahren stirbt (im Mittelalter lebte und starb man schneller ...), hat sie ein Frauenkloster in Gang, Licht ins Dunkel und in viele Köpfe gebracht, ihr Ding gemacht. Es gibt nichts Gutes, außer man tut es – Gertrudentag ist ein prima Tag, um ein erstes Mal im Garten rumzuwuseln und der jungen, energischen Patronin der Gärten zu gedenken.

P.S.: Aus dem Krieg gegen Napoleon hat sich eine schöne Geschichte zu unserer Heiligen überliefert:
Da die Legende erzählt, Gertrud hätte einmal eine Mäuseplage mit ihrem Gebet abgewendet, gehören oft Mäuse zu ihren Attributen. Als sich nun 1815 ein siegestrunkener, übermütiger protestantischer preußischer Offizier von einem Einheimischen in Luxemburg durch die Kathedrale führen ließ (und natürlich alles für katholischen, abergläubischen Mumpitz befand), entsetzte ihn eine geschnitzte Figur der Gertrud besonders, da an deren Äbtissinnenstab kleine vergoldete Mäuse als Dank für abgewandte Plagen angebracht waren. „Ja guter Mann: glauben sie denn tatsächlich an so einen zum Himmel schreienden Unsinn ?!“ – „Nicht wirklich, Herr Offizier: sonst hätten wir schon längst auch ein paar kleine vergoldete Preußen schnitzen lassen.“

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Februar 2011

Heilige des Monats Februar: Brigida / Brigitta von Kildare

Fest: 1. Februar

Patronin Irlands, der Schwangeren, der Kinder und der Haustiere

Auf den ersten Blick könnte uns die liebe heilige Brigida schnurzpiepe sein: viel zu lange her (1.500 Jahre), viel zu wenig Action (nix besonderes passiert). Frommes Mädchen, noch frömmere Nonne, heilige Äbtissin – ich schlaf gleich ein.

Auf den zweiten Blick zeigt uns die Verehrung der heiligen Brigida, wie offenherzig multikulti die Kirche vorhandene spirituelle Kräfte nicht bekämpft, sondern integriert, ja häuft. Indem man ihren Festtag auf den Tag der gleichnamigen keltischen Muttergöttin legte, den alten keltischen Frühlingsanfang am 1. Februar, wurde diese schöne Tradition bewahrt und weiter ausgebaut – insbesondere noch durch „Mariä Lichtmeß“ gleich am Tag darauf.

Dieses Fest des wiedererstarkenden Sonnenlichtes findet sich in den Erzählungen, dass Brigida Flammen auf dem Haupt erschienen seien – in ihrer Kirche in Kildare unterhielten noch 700 Jahre später ihre Klosterfrauen ein immerwährendes Feuer zu ihrem Gedächtnis.

Selbst heute noch flechten in Irland Kinder zum Brigida-Tag kleine Kreuze aus Röhricht, die in der Form an das alte Sonnenrad erinnern. – Reiche vergehen, Völker verschwinden, und die Kirche trägt die Tradition weiter und weiter – man mag das ja unwichtig finden, aber ich rheinischer Katholik steh auf die fette barocke volle Dröhnung. Warum weniger ?

Und Drittens wird es knallmodern: im Kleingedruckten der Lebensbeschreibung Brigidas findet sich eine weibliche Emanzipationsgeschichte.

Brigidas Vater war nämlich ein adliger Militärmacho übelster Strickart: obwohl verheiratet, kaufte er sich Ihre Mutter, eine Unfreie, als Sexsklavin. Als sein Spielzeug schwanger wurde, verkaufte er es mit Rabatt an irgendeinen Kumpel weiter und fragte nicht weiter danach. Das Mädchen Brigida wird getauft, das Christentum hält Einzug: und gibt Brigida, wie so vielen anderen, die Möglichkeit zur Revolte.

Die schöne und intelligente Brigida muß sich nicht wie ihre Mutter verhökern und missbrauchen lassen, ihr bieten sich nun ungeahnte Möglichkeiten. Mit 14 setzt sie durch, Nonne werden zu dürfen und errichtet sich unter einer Eiche – recht hippiemäßig – eine Art Wohnhöhle. Andere stoßen zu ihr: Frauen auf der Flucht vor Männern (die waren damals ja auch nicht besser als heute), Männer auf der Flucht vor dem ewigen Gemetzeln, diesem Dauerblutrausch von Fehde und Blutrache, den sie bis heute nicht so recht sein lassen können.

Es werden auf die Dauer mehrere solcher Kommunen, und hätte die Reformation nicht alles platt gehauen, bestünden sie noch heute. – Merke: wo im Mittelalter die Liebe ist, ist Mittelalter Fortschritt. – Und die Neuzeit ? – Nicht zu schnell antworten, die Frage sollte wirken können.

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Januar 2011

Heiliger des Monats Januar: Bekehrung des Heiligen Paulus

Fest: 25. Januar

Vor 2000 Jahren, türkische Mittelmeerküste. Viel Sand am Strand, die Sonne scheint, das Obst wird süß. Pax Romana, es lässt sich prima leben.

Ein nichtaufdenkopfgefallenes Söhnchen der jüdischen wohlhabenden Mittelschicht, Zelt- oder Tuch- oder Teppichmacher oder –händler, Genaueres gibt die Übersetzung nicht her, will was noch besseres werden, studiert an der hippen Uni zu Jerusalem Theologie. Das Sahnehäubchen: man ist römischer Vollbürger und fühlt sich auch so: the sky is the limit. Keine Sekunde muss der junge Mann überlegen, für welche In-Group sein Herz schlägt: es ist die herrschende Klasse, die Pharisäer, die intellektuelle Elite an den Fleischtöpfen, ohne die nichts geht.

“Es ist besser, einer stirbt für das Volk, als das Volk stirbt“ sagen sie („das Volk sind wir“) bei einem guten Glas Wein über den Spielverderber Jesus, diesen unberechenbaren Bauerntrampel-Führer aus Galiläa (und Galiläa ist für diese Jeunesse Dorée was die Eifel für Köln ist: Misthaufen, Gummistiefel, Kittelschürzen). Also Schluss mit der Provinzposse und hau weg den Wannabe-King – business as usual.

Ein bisschen Aufräumen ist dann noch noch angesagt: wer nicht hören will muss fühlen. Dem Stephan hauen sie so viele Steine auf den Kopf, dass er gleich liegen bleibt. Um die Ausbreitung dieser geistigen Pandemie zu verhindern, meldet sich Paulus gern für Syrien. Jugendliche Großmannssucht und das gute Gefühl, etwas für das eigene Portemonnaie zu tun. Die Mächtigen werden sich erkenntlich zeigen. So reitet er los, aber so kommt er nicht an.

Ein verwirrter Blinder ist es, der schließlich in Syrien um Hilfe bittet: Wirres aus der Wüste erzählt und sich nun zeitlebens als die „Missgeburt“ bezeichnet. (Anmerkung für die, die nicht so bibelfest sind: Als Paulus auf dem Weg in einer Vision dem Herrn begegnete, erblindete er. Ananias, ein Christ aus Damaskus, heilte Paulus von seiner Blindheit, indem er ihm die Hände auflegte. Allerdings tat Ananias dies nicht aus Liebe zu Paulus, sondern aus Liebe zu seinem Herrn, der dies von ihm forderte.)

Was lernen wir daraus ?

Erstens, daß der Chef up-in-the-sky reichlich schwarzen Humor hat. Der Killer wird zum Prediger, das ist lustig. Zweitens, wie schnell man sich verrennt und das Lied „wes Brot ich ess des Fahn´ ich schwenk“ für irgendwie moralisch hält. Drittens: ist nie zu spät, geht auch anders, sicher, auch für uns, für Dich und mich.

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Dezember 2010

Heiliger des Monats Dezember: Die heiligen unschuldigen Kinder

Fest: 28. Dezember

Ein von der größten Militärmacht der Welt im Vorderen Orient als Marionetten-Präsident eingesetzter Warlord regiert mit blanker Gewalt und übernervös. Bei jedem Schatten von Verrat rollen Köpfe, auch die der eigenen Familie, Massaker sind Mittel der Innenpolitik. – Nicht wirklich neu ? Nein, nicht wirklich neu, 2000 Jahre her, der Mann heißt Herodes, und „homo homini lupus“, der Mensch ist des Menschen Wolf.

Als die damalige Sandalen-Stasi meldet, dass es Unruhe wegen eines angeblich neu geborenen Volkserlösers aus der rechtmäßigen Dynastie gebe, schickt Herodes eine Einsatzgruppe in die Kernregion von deren Clan und lässt in und um Bethlehem alle männlichen Kleinkinder unterhalb des Kindergartenalters töten. Mission accomplished !

Einer aus dem Clan ist mit seinen gastarbeitenden Eltern nach Ägypten entwischt (auch so ein palästinensisches Dauerschicksal). Den kriegen sie erst 30 Jahre später: dann aber richtig.

So geht es zu auf der Welt – Fortschritt gibt es nur in der Waffentechnik.

Und da ist die alte Tante Kirche so vorgestrig, einen vernachlässigbaren Kollateralschaden im „Bemühen um Stabilität in der Region“ Jahr für Jahr als „Fest der heiligen unschuldigen Kinder“ zu begehen ? Wo sich alle anderen doch daran gewöhnt haben, dass Kinder (und Frauen) immer zuerst dran sind ? Dass niemand, aber auch wirklich niemand, zivile Opfer zählt ? Und schon gar nicht die Kinder ?

Das sind wirklich wichtige Heilige – und Dienstag, der 28.12.2010, könnte ein prächtiger Tag sein, darüber nachzudenken, wen man heute wählt, wem man heute Geld schickt, wen man unterstützen und wen man bekämpfen sollte.

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November 2010

Heiliger des Monats November: der heilige Leonhard (=Lennart, Lenny und Leon)

Fest: 6. November

In 2000 Jahren Kirchengeschichte finden sich Verbrecher, Helden des Alltags wie ich und Du - und Heilige. Deren große Schar auseinanderzuhalten helfen die „Attribute“: Erkennungszeichen, oft die Marterwerkzeuge (merke: die Guten werden nicht alt). Grauslich schaut das aus: Männer mit dem eigenen Kopf unter dem Arm, flotte Juffern mit einem Dolch im Hals, Jünglinge, von Pfeilen durchbohrt.

Auf uns heutige wirkt das eher leidend, passiv und nicht so richtig sportlich. Wie anders da der heilige Leonhard ! Sein Kennzeichen sind stolz vorgezeigte zerbrochene Ketten – und seine Statuen wirken mitunter recht dritte-welt-revoluzzer-mäßig (fehlt nur die Castro-Cap und die Kalaschnikow – der Bart ist da).

Leonhard war um 500 ein fränkischer Adliger im Umfeld des selbst für fränkische Verhältnisse äußerst blutdurstigen ersten getauften Königs Erst-schlagen-dann-fragen-Chlodwig. Ihm ging das alles auf den Senkel, und das Christentum mit seiner gänzlich anderen Message schlug bei ihm Funken. Er ließ seine Adelsvorrechte sausen und wurde ein radikaler Nachfolger dieses friedlichen Menschen aus Nazareth. Überzeugter Veganer ! Diakon, Mönch, vor allem Einsiedler und Waldläufer, selber Klostergründer. Ein spirituelles Leben in sehr unspirituellen Zeiten.

Warum er – wie die meisten Guten – nicht längst vergessen ist ? Leonhard hatte halt fränkischen Eroberergeist in den Genen, er brauchte neben dem Gebet auch direkte Action, und zwar reichlich. Seinerzeit war das ganze Frankenreich übersät mit Guantanamos: man führte ständig Krieg, und Kriegsgefangene wurden übelst behandelt. In Ketten geschmiedet, oft schlecht ernährt, den Hofhunden ging es besser als diesen Sklaven. Und Leonhard ging dazwischen, überall, immer wieder: und erreichte mit seinen Amnesty-International-Einsätzen die Freilassung unzähliger Gefangener. Was für eine coole Type !!

Er starb friedlich und steinalt (Veggie !) .Sein Grab findet sich wohlgepflegt in seiner schönen Kirche in Saint-Léonard-de-Noblat nahe Limoges.

Serge Gainsbourg flüchtete sich 1944 erfolgreich an den Ort des Kettenzerbrechers, um der Gefangenschaft der Nazis zu entgehen. Die Power scheint noch zu wirken.

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Oktober 2010

Heilige des Monats Oktober 2010: Ursula

Fest: 21. Oktober

Patronin der Stadt Köln, der Jugend, der Erzieher, der Universität Paris, für eine gute Heirat und eine gute Ehe, einen ruhigen Tod, gegen Kinderkrankheiten und Qualen des Fegefeuers, in Kriegszeiten.

Die Sache mit der heiligen Ursula hat besonders viele Facetten. Einmal ist es eine spannende Story aus dem fabulierfreudigen Mittelalter, besonders schön erzählt auf

 http://www.heilige-ursula.de/legende/legende_13_jahrhundert.html

Man wundert sich, dass der sehr farbige Stoff noch nicht verfilmt wurde: 11.000 Jungfrauen! Fernreisen! Hunnensturm! Massaker!

Zum anderen ist die Geschichte, wie die guten Kölner 1.000 Jahre lang die ganze Welt mit den Reliquien der 11.000 Mädels versorgen, auch ein Ding für sich – soll denen erst mal einer nachmachen! Was für ein sensationell unverwüstliches Marketing – und alles mit „nachwachsenden Bio-Rohstoffen“.

Zum Dritten hat die liebe Ursula ein gewaltiges Weiterleben. Ihre Legende macht den Begriff des Opfers, der uns heute ganz unendlich fremd ist, unmittelbar erlebbar. Im festen Glauben, dass die Liebe stärker ist als der Tod und das in einer anderen Welt mit ganz anderer Münze gezahlt wird als mit unserem Blech, geht sie sehenden Auges ins Martyrium. Und sie geht nicht allein – die beispiellose Wucht von 11.000 Märtyrerinnen bekräftigt anders als der vereinzelte Mut eines alleinstehenden Bekenners die Seelengröße, die allein das Vertrauen auf Gott verleiht.

 „Katholisch“ heißt übersetzt „umfassend“, das ist und war Programm der Weltkirche – die eher unkatholisch enge, um nicht zu sagen beschränkte Sicht mancher Kirchenoberen soll uns da nicht täuschen - und Ursula ist ein schönes Beispiel für die Integrationskraft des Katholizismus. Am Ort der Ursula-Kirche befand sich wohl ein keltisch-römisches Wasserheiligtum – der Brunnen soll sich bis heute in der Unterkirche finden (ich war selbst noch nicht in der Krypta) . Im Volksglauben hieß es, „am Grunde dieses Brunnens spielt die Mutter Maria mit den Seelen der ungeborenen Kölner Kinder“. Wilde Mythen der Vorzeit, geborgen im Kreis der 11.000 Girlies aus der Völkerwanderung, die in der „Goldenen Kammer“ im Turm auch im 3. Jahrtausend ausgesprochen handgreiflich wachen (muß man gesehen haben, zu Fuß nur 5 Minuten nördlich des Doms: krasse Location, wie das heute heißt).

An solchen Plätzen schnurren Jahrhunderte zu Augenblicken zusammen, da durchströmt einen rheinische Spiritualität mit aller Macht – Augen und Ohren auf, vorausgesetzt – und „sursum corda !“ möchte man rufen, „erhebet die Herzen !“ – der Alltag hat einen schnell genug wieder.

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September 2010

Heilige des Monats September: Thekla von Ikonium

Festtag: 23. September

Patronin der Sterbenden, gegen Augenleiden, in Feuersgefahr

Den Heiligen Friedrich Spee des letzten Monats hat die Kirche noch nicht anerkannt, die heilige Thekla hat die katholische Kirche (nicht die orthodoxe) erst vor wenigen Jahren wieder aus dem Kalender gelöscht – beides schlecht begründet. Bei Thekla heißt es seitens der katholischen Offiziellen, ihr Leben und Wirken sei nicht hinreichend sicher belegbar – dabei gibt es Akten aus urchristlicher Zeit, viele Kirchenväter gedenken ihrer, schon in der Antike ist ihre Verehrung im gesamten östlichen Mittelmeerraum weit verbreitet, die Tradition ist stark und alt. Wieso diese Streichung, wo der Kirche sonst die Tradition wichtiger ist als Bibel, Fakten und gesunder Menschenverstand zusammen ? Der Wind weht hier von wo ganz anders her.

Thekla ist ein Teenager, als der heilige Paulus im Jahr 50 in ihrer Heimatstadt Ikonium (dem heute türkischen Konya) predigt. Zwei Tage lang hört sie ihm vom Balkon ihres Elternhauses aus zu: „Selig, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen ... Selig, die das Fleisch keusch bewahren, denn sie werden Tempel Gottes werden ... Selig die Enthaltsamen, denn zu ihnen wird Gott sprechen.“ Sie ist hingerissen.

Mit dem Feuer der Jugend teilt sie ihren Eltern mit, wo der Hammer hängt, und ihrem Verlobten, dass sie nicht heiraten wird. Die Entscheidung, ihr Ding durchzuziehen, Gott mehr als den Menschen zu folgen, spirituell zu leben, steht. – Die üblichen Repressionen setzen ein: Paulus wird gegeißelt und rausgeschmissen, Thekla zum Feuertod verurteilt, kann aber (wie wunderbar auch immer) aus Ikonium fliehen und Paulus nach Antiochia in Syrien folgen. Dort wehrt sie sich erfolgreich gegen männliche Gewalt – und landet in der Arena vor den wilden Tieren, ein einzelnes Mädchen in einer fremden Stadt, wie es so geht. Sie überlebt, auch Dank des Eingreifens einer mächtigen Frau, der historisch gut belegten Königin Tryphaina von Pontos. So kann Sie in Myra, wohin sie in Männerkleidern gereist ist, endlich Paulus treffen, und erhält vom ihm den Auftrag, ihre Heimatstadt Ikonium zu missionieren. Sie wirkt dort auch erfolgreich, bevor sie nach Seleukia (dem heute türkischen Silifke) geht, wo sie ebenfalls viele Menschen bekehrt und im hohen Alter geachtet und verehrt eines natürlichen Todes stirbt.

Also warum haben die alten Männer in Rom Thekla aus dem Verzeichnis der Heiligen gelöscht? Eine erfolgreiche, jahrzehntelang tätige, vom Apostel Paulus höchstselbst eingesetzte Apostelin, Priesterin, Missionarin? Weil unsere verkalkten, verknöcherten, hartherzigen Hierarchen immer noch nicht verstanden haben, dass Gott den Menschen als Mann und Frau schuf, gleich berechtigt, gleich heilig, ganz wunderbare Geschöpfe, denen nichts fehlt – keinem von beiden.

Heilige Maria, hilf deinen Töchtern – und lass Hirn regnen, reichlich, du weißt schon wo.

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August 2010

Heiliger des Monats August: Friedrich Spee

Fest: 7. August

Patron der Dichter, der politischen Journalisten und Sachbuchautoren, der unschuldig Verfolgten, der Gefangenen, von Amnesty International

Nun, es sei gleich zu Beginn gestanden, das obige ist alles pures Wunschdenken – zu schön um wahr zu sein. Man hat manchmal das Gefühl, unsere liebe Mutter Kirche ernenne an prominenten Ordensgeistlichen alles zu Heiligen oder Seligen, was bei 3 nicht auf den Bäumen ist: aber des Jesuitenpaters Friedrich Spee hat sie sich bisher nicht angenommen. Also tun wir es hier und jetzt !

Man verbindet den Begriff „Hexe“ gern mit „finsterem Mittelalter“, aber im Mittelalter gab es weder „Hexenwahn“ noch Folter als „Instrument der Rechtspflege“. Standpunkt der Kirche war, dass es Zauberei gar nicht gäbe, dass das alles nur Einbildung und Aberglaube sei, man eingebildete Sachen aber schlecht bestrafen könne.

Die bekannten „Hexenverfolgungen“ gehen erst nach dem Ende des gar nicht so finsteren Mittelalters los – für den echten Horror braucht es offenbar modernere Zeiten. Der sich von etwa 1550 bis 1700 austobende Hexenwahn hatte viele Väter. Im Kern ist er eine Volksbewegung, die sich in ihren Mechanismen gut mit dem Faschismus des 20. Jahrhunderts vergleichen lässt. Von Sozialneid und blinder Aggression gespeist, denunziert ein Nachbar den anderen - auch die Gestapo des 3. Reichs konnte ja nur einen Bruchteil der pausenlos eingehenden Petzereien bearbeiten, konnte sich vor mordlustigen Normalbürgern kaum retten.

Regelrechte Verbrecher sehen und nutzen da Ihre Chance: die Oberschichten ganzer Städte (nicht nur die Frauen) werden ausgerottet, das Vermögen eingezogen und unter die Kumpane in Politik und Justiz verteilt – und die Unis nicht zu vergessen ! Denn dort verdienen sich die Herren Professoren eine goldene Nase an unsinnigen Rechtgutachten zu den abgekarteten Prozessen.

In diesem Sinne treibt es Anfang des 17. Jahrhunderts auch der Würzburger Bischof als weltlicher Herr seines Ländchens – und hier kommt Pater Friedrich ins Spiel.

Friedrich Spee ist ein Rheinländer aus der Düsseldorfer Umgebung, 1591 in eine durchaus betuchte Adelsfamilie hineingeboren. Gegen den Willen der Eltern wird er mit 19 Jahren Jesuit (statt Beamter oder Militär), er hat Ideale, träumt davon in Indien die Botschaft der Liebe zu verbreiten und ist zudem einer der besten Dichter seines Jahrhunderts (viele seiner Lieder werden heute noch gesungen).

Wohl in Würzburg ist es, wo der junge, hochtalentierte Pater verurteilten „Hexen“ die Beichte abzunehmen hat – und dabei zu der klaren Überzeugung kommt, daß hier Unschuldige hingerichtet werden, denen man mit Hilfe der Folter völlig irre Geständnisse abgerungen hat. Er ist entsetzt und schreibt sich sein Entsetzen von der Seele: „Rechtliches Bedenken wegen der Hexenprozesse - Cautio Criminalis“, nennt er sein Buch, daß 1631 erscheint und die Praxis der erfolterten Geständnisse ad absurdum führt.

Diese Breitseite nehmen ihm insbesondere die hochgestellten Nutznießer dieser sehr einträglichen, reichsweit wohlorganisierten Kriminalität übel. Man will ihn so schnell wie möglich tot sehen, trotz anonymen Erscheinens des Buches kennt und hetzt man ihn bald, das Netz zieht sich zu. Der Orden „versteckt“ seinen mutigsten Priester im Kriegsgebiet, im umkämpften Trier (30jähriger Krieg ...) – wo er sich bei der Pflege verwundeter Soldaten die Pest holt und am 07. August 1635 stirbt, erst 44 Jahre alt.

Sein Grab wurde vor wenigen Jahren wiedergefunden, man kann es in Trier in der Jesuitenkirche besuchen und einem Vorbild aller Aufrechten seine Refernz erweisen: einem Streiter für die Menschlichkeit, für die Schwachen und Verratenen, einem echten Helden – und ganz ganz sicher einem Heiligen, auch wenn Rom das noch nicht bemerkt hat.

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Juli 2010

Heilige des Monats Juli ist Maria Magdalena, eine nicht ganz unumstrittene Persönlichkeit, deren liturgischer Gedenktag der 22. Juli ist.

Patronin der Frauen insgesamt, im besonderen der reuigen Sünderinnen; der Kinder, die schwer gehen lernen; der Friseurinnen und Kosmetikerinnen, der Parfümhersteller; der Schüler und Studenten

In den 1980er Jahren sang Sandra „I´ll never be Maria Magdalena“, ich werde nie zur Maria von Magdala. Irgendwie gings um wilde Leidenschaft, und sie wollte nichts bereuen müssen. Anders als die Maria Magdalena jedenfalls. Die andere Seite sind dann die Keuschen, die der Fleischeslust fernstehen. Die wollen auch nicht wie Maria Magdalena sein.

Maria Magdalena war immer eine Heilige für uns normale Menschen in der Mitte: der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Einerseits bejahen wir das Gute und sehnen uns danach, andererseits sitzt uns das Teufelchen auf der linken Schulter und flüstert uns was ...

Und sie, die junge Frau aus Magdala im Norden Israels, hatte diesen Widerspruch sozusagen körperlich zu leben.
Die Legende setzt sie mit der namenlosen reuigen Prostituierten gleich, die Jesus bei einem Essen (bei dem man damals ja lag) mit ihren Tränen die Füße wusch und diese dann salbte.

Im Musical „Jesus Christ Superstar“ singt sie „I don´t know how to love him”, wie soll ich ihn nur lieben. Von ganzem Herzen – oder doch mit dem ganzen Körper – und wie schön wäre es, wenn beides ginge !!

Die Evangelien sehen sie, die Jesus aus einer inneren Krise gerettet hatte (damals hieß das „böse Geister austreiben“), immer treu an seiner Seite – auch in den fürchterlichen Todesstunden, als fast alle anderen weg waren, auch am Grab, als er ihr als erster von allen auferstanden erschien. Und da sagt er zu ihr „noli me tangere“, berühre mich nicht !

Die ältere Kunst stellt Maria Magdalena oft verzweifelt am Fuß des Kreuzes dar: alle Träume geplatzt, der eine Gute stirbt unter schrecklichen Qualen, die alltäglichen Mitläufer und die alltäglichen Verbrecher bleiben übrig, Schweinewirtschaft, wie so oft, der Lauf der Welt. Das malt überwältigend der Künstler des Kreuzaltars im Kölner Wallraf-Richartz-Museum: unbedingt anschauen !

Neuere Romane versuchen, die dem Mittelalter eigene fromme Freude an schönen Legenden durch wilde Räuberpistolen zu toppen, in denen Maria Magdalena mit Jesus einen ganzen Kindergarten zeugt und den Babybrei im Heiligen Gral serviert. Wer´s mag, nun denn.

Die Kern-Botschaft der echten Maria ist knackiger: eine Frau in einer Männerwelt hat Probleme, verkriecht sich aber nicht, sondern formuliert sie und teilt sie mit dem Menschen, dem sie vertraut. Sie hat den Mut, ihre Liebe zu leben und den Menschen zu unterstützen, der die Liebe predigt und der ihre Unterstützung braucht (denn Feinde hat er schon mehr als genug). Das Geschwätz der Leute interessiert sie nicht, sie macht´s einfach. Klasse, find ich gut.

P.S. 1: Reue befreit, gibt Power für radikale Neuanfänge. Keine Panik vor dem Spiegelbild, dem Alleinsein - man kann sich eh nicht davonlaufen. Unsere Bibelhelden gingen zum Turnaround in die Wüste, Rheinisch-Katholische können beichten (sehr altmodisch, very cool), allen tut das Pilgern gut (Hape !). Oder einfach ein paar Tage allein in die Dünen setzen. Klappt alles, versprochen, nur nicht bange sein – „uns trennt nichts vom Paradies, außer unsrer Angst“.

P.S. 2: Wallraf-Richartz-Museum nicht vergessen, kostet ja nicht die Welt – und donnerstags ist bis 22 Uhr auf: paßt eigentlich immer.
 

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